Vom riskanten Versuch Komplexität in Kompliziertheit zu transformieren, oder vom Projektleiter als Methoden-Handwerker oder intuitivem System-Denker.

Trainings zum Agilen Projekt Managements werden oft gebucht, wenn die bisher eingesetzten „klassischen“ Methoden nur unzureichenden Erfolg im Projekt zeigen.  Dies ist mit dem Wunsch verbunden, neue agile Methoden oder Techniken vermittelt zu bekommen, die die Projekte wieder auf Erfolgskurs bringen.

Umso erschreckender ist dann die Erkenntnis der Trainingsteilnehmer, dass Methoden und Techniken alleine nicht helfen, diesem Projekterfolg nahe zu kommen.- Noch schlimmer ist es, wenn erstmals Zweifel aufkommen, ob Best Practices, von anderen Projekten übernommen, sich auf das eigene komplexe Projekt überhaupt transferieren lassen.

Dies basiert auf der Erkenntnis, dass Methoden oft die Funktion zukommt, komplexe Aufgaben in komplizierte oder einfache Aufgaben zu transformieren. Dies ist unserem verständlichen Wunsch geschuldet, unsere Wirklichkeit so zu vereinfachen, dass nicht-lineare Wechselwirkungen in einfachen linearen Zusammenhängen für uns fassbar werden. Hierbei geht die Komplexität in unserer Wahrnehmung verloren und übrig bleibt der Stellvertreter Kompliziertheit, von dem man glaubt, dass er die Komplexität hinreichend gut vertritt: Ein Projektplan ersetzt eine komplexe Aufgabenstellung, die viele nicht-lineare Abhängigkeiten enthält; ein komplexes Kommunikationsmuster wird durch oberflächliche Aussagen zum Verhalten repräsentiert; ein komplexes soziales Netzwerk wird einfach auf das reduziert, was man von diesem weiß.  Dieser Vorgang ist für viele Menschen kein bewusster Vorgang: Hierbei macht es keinen Unterschied, ob es sich um die Rolle Projektleiter handelt, oder um die agilen Rollen Scrum Master oder Product Owner oder irgendeine andere Rolle. Entscheidend ist, ob der Mensch, der eine „klassische“ oder „agile“ Rolle ausfüllt, über eine innere Haltung (ein Mindset) verfügt, die das Erkennen von komplexen Mustern im System (einem Team, einer Organisation) erlaubt und die das schnelle und flexible, also agile, Intervenieren möglich macht. Dieses Erkennen von komplexen Mustern und das adäquate Intervenieren ist uns leider nicht in die Wiege gelegt, sondern muss, wie die Erfahrung zeigt, hart trainiert werden. Das Trainieren kann nur im Wechselspiel von Theorie und Praxis erfolgen und wenn dieses langjährige Training erfolgreich ist, stellen uns Gehirn und Körper intuitiv das Erkennen von komplexen Mustern zur Verfügung.

Methoden, als Versuch Komplexität in Kompliziertheit zu transformieren, können kaum helfen komplexe Systeme in ihrer Komplexität zu meistern; hierbei ist es gleichgültig, ob es sich um agile, lean oder klassische Verfahren handelt.

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Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen Artikel. Er spricht mir aus der Seele.

    Die mentalen Modelle, die wir mit uns führen, sehen nicht-lineare Zusammenhänge oft nicht vor. Und so gibt es immer dann Schwierigkeiten, wenn lineare Vorurteile auf komplexe Systeme treffen.

    Bei der Beurteilung des Zusammenhangs von Komplexität und Kompliziertheit würde ich sogar noch weiter gehen. Meiner Meinung nach ist es prinzipiell nicht möglich, Komplexität auf Kompliziertheit zu reduzieren. Man kann lediglich zwei Dinge tun:

    1. Akzeptieren, dass es Systeme gibt, die nicht vollständig mit Kausalketten (schon gar nicht mit linearen) beschrieben werden können. Das schafft etwas Demut und beruhigt.

    2. Sich mentale Modelle zu eigen machen, die nichtlineare Zusammenhänge repräsentieren. Z.B. Modelle für exponentielles oder logarithmisches Wachstum. Das macht Mut und spornt an.

    Erwin J. Bauer (erwinjbauer.com)

  2. avatar Joscha Greuel

    Guten Tag Herr Bauer,

    zu ihrer Meinung es sei „PRINZIPIELL nicht möglich, Komplexität auf Kompliziertheit zu reduzieren“ sehe ich eine Analogie in der Physik. In dem physikalischen Fall ist schon für das sogenannte „Drei Körper Problem“
    (https://de.wikipedia.org/wiki/Dreik%C3%B6rperproblem) keine algebraische Lösung mehr möglich.

    Beste Grüße,
    Joscha Greuel

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