Verantwortung, Kompetenz und Integrität – Grundwerte als Antwort auf post-faktisches und prä-faktisches Management

Das Wort des Jahres 2016 ist „postfaktisch“. Die Gesellschaft für die deutsche Sprache (GfdS) hat das Wort aus einer Liste von über 2000 Begriffen gewählt. Wahlberechtigt waren der Hauptvorstand und die wissenschaftlichen Mitarbeiter der GfdS. Eine gute Wahl, könnte man sagen, denn postfaktisch ist böse. Populisten sind postfaktisch, Demagogen auch, und Menschen, die auf sie reinfallen sind gefährlich. „Lügenpresse“ hat es erstaunlicherweise dennoch nicht unter die Top 10 der GfdS geschafft.

colorful-1197308_1280Doch woher kommt das Adjektiv postfaktisch eigentlich? Es muss wohl dem amerikanischen Autor Ralph Keyes zugeschrieben werden, der im Jahr 2004 ein Buch mit dem Titel „The Post-Truth Era: Dishonesty and Deception in Contemporary Life“ veröffentlicht hat. Aus post-truth wurde dann post-faktisch im Deutschen. Truth ist aber etwas anderes als Facts. Geht es also im Ursprung des Gedanken gar nicht um die Ignoranz von Fakten, Beweisen und Empirie, sondern um die Missachtung, ja Manipulation von Wahrheit? Das meint auch die GfdS: „Das Kunstwort postfaktisch, (…) verweist darauf, dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen »die da oben« bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen bereitwillig zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der »gefühlten Wahrheit« führt im »postfaktischen Zeitalter« zum Erfolg“.

Man muss nicht Philosoph sein, um zu ahnen, dass es einen bedeutenden Unterschied zwischen Fakten und Wahrheiten gibt. Ein Faktum kann bewiesen werden, es kann auf einen binären Kern reduziert werden: ist oder ist nicht, richtig oder falsch. Eine Wahrheit kann sich auf Fakten stützen, muss sie aber nicht. Wahre Liebe, wahrer Glaube, wahre Zufriedenheit alle diese Zustände bekommen einen schaurigen Beigeschmack, wenn wir „wahr“ gegen „richtig“ oder „einzig wahr“ ersetzen. Auch das ist nämlich ein Aspekt von Wahrheit: Es kann zum selben Zeitpunkt mehrere Wahrheiten geben. Während Fakten an einem Objekt festgemacht werden können, entstehen Wahrheiten im Betrachter. Dem Populisten und dem Demagogen werfen wir ja nicht vor, dass er Fakten fälscht, sondern, dass er sie falsch darstellt. Seine Wahrheit steht in Dissonanz zu unserer Wahrheit, sein richtig ist unser falsch.

Zeit, den Blick auf den Rest des Publikums, auch Stakeholder genannt, zu richten. Denn jeder Redner und Politiker hat seine Zielgruppen und Stakeholder im Blick und muss sich an ihnen orientieren. Vereinfachungen, Übertreibungen und emotionale Botschaften sind gängiges Handwerkszeug der guten Rede, auf das Wahrheitsempfinden des relevanten Empfängers zielt allerdings auch die postfaktische Botschaft. Manager in Unternehmen und Projekten kennen das nur zu gut, denn Politik findet in Unternehmen täglich statt; Emotionen, Macht und Einfluss bestimmen den Alltag und die Ausrichtung auch von Projekten. Stakeholdermanagement gilt daher zu Recht als Königsdisziplin und nicht erst seit gestern wissen wir, dass morgen schon Stakeholderzufriedenheit stärker sein kann, als die heute elaborierten Pflichtenhefte und Verträge. Der Projektmanager praktiziert deshalb Stakeholdermanagement als „die aktive und proaktive Betreuung der Projektbeteiligten und Anspruchsgruppen“. Wird er dadurch auch zwangsläufig zum Manipulator, zum Stimmungs- und Meinungsmacher? Das kann ein schmaler Grat werden. Zumindest wenn er Mitglied einer Fachgesellschaft ist, sollte er sich an einem Ethik Kodex orientieren, zertifizierte Projektmanager müssen sich sogar auf solch einen Kodex verpflichten.

Der Ethik Kodex der GPM beispielsweise macht den Projektleiter zwar nur zum „loyalen Sachwalter seines Auftraggebers“ (2. Absatz zu Integrität),  stellt aber in der Präambel schon fest: „Bei ihrer Berufsausübung beeinflussen Projektmanager die Lebensqualität jedes einzelnen Menschen in der Gesellschaft. Wegen dieses weitreichenden Einflusses müssen Projektmanager ihre Handlungen und Entscheidungen an den Grundwerten ausrichten: Verantwortung, Kompetenz und Integrität.“ Und weiter zu Verantwortung: „Jeder Projektmanager räumt dem Gemeinwohl sowie der Gesundheit und Sicherheit jedes einzelnen Menschen hohe Priorität ein. Er trachtet nach Verbesserung der Lebensverhältnisse und der Umweltqualität. Weltoffenheit und Toleranz gegenüber anderen Kulturen bestimmen seine Haltung.“ Das sind hohe Anforderungen für einen „Sachwalter“, es geht dabei nicht einmal um Fakten, nicht um Wahrheiten, eher sind im großen Maßstab gesellschaftliche Visionen beschrieben. Konkreter wird der Code of Ethics and Professional Conduct der PMI wenn es um den Umgang mit Fakten geht: „Honesty: Mandatory Standards. We do not engage in or condone behavior that is designed to deceive others, including but not limited to, making misleading or false statements, stating half-truths, providing information out of context or withholding information that, if known, would render our statements as misleading or incomplete.”

Das sind klare Aussagen. Sie lassen hoffen, dass wir uns wenig Sorgen um professionelle Projektmanager machen müssen, denn sie sind geführt und gebunden an ethische Richtlinien. Diese halten sie daran, ihre Fähigkeiten für Gemeinwohl, Umwelt, Weltoffenheit und Toleranz einzusetzen. Natürlich praktizieren wir also weiterhin Stakeholdermanagement, aber ebenso natürlich ausgerichtet an Grundwerten und im Bewusstsein unserer Verantwortung.

Allerdings findet die Diskussion um Fakten und Wahrheiten in einer Welt der Extreme statt und wir schauen aktuell entsetzt auf nur eines davon. Auf dieser Seite stehen die lauten Schreier, die mit emotionalen und postfaktischen Botschaften Erregung verursachen. Es gibt aber auch eine andere Seite des Spektrums. Auf der stehen die Funktionäre und Apparatschiks des Managements. Still, unscheinbar, spurlos – wenig ist ihnen ferner als Erregung. Mit dem Ethikkodex hat diese Managerspezies keine Probleme, denn nachweisbare Fehler würden sie nie begehen. Stromlinienförmig bewegen sie sich durch das System, das sie nährt, sie ecken nicht an und scheinen immer schwer beschäftigt. In einen Teflon-Mantel aus Political Correctness gehüllt, perlt Kritik ab. Sanft intrigant schleichend, unter einen Stealth Schirm aus vorgeschobener Transparenz, werden blutarme Botschaften aufgeblasen mit pastoralen Plattitüden, während hilflose Ahnungslosigkeit in Management-Anglizismen verschleiert bleibt.

Wenn einzelne Marktschreier das sichtbare Extrem der postfaktischen Welt sind, wie eine offene Wunde, dann ist das andere Extrem ein unsichtbares Heer der inhaltsfreien Verwalter und Verhinderer, sie sind wie das verborgene Fett und Cholesterin in Organisationen. Vor dieser Gruppe sollten wir mehr Angst haben. Sie wirkt präventiv oder prä-faktisch, indem sie Veränderung behindert und Energie absorbiert. Es sind Keramikbremsen der Volkswirtschaft – hoch effizient und unglaublich teuer. In der Medizin vergleichbar ist ein Zustand pulsloser elektrischer Aktivität: Das Herz zeigt auf dem EKG Signale der Aktivität, allerdings sind diese nur elektrisch, tatsächlich bewegt sich der Herzmuskel nicht. Lange überlebt der Organismus das nicht, die Steuerung ist selbstreferenziell geworden. In Wirtschaft und Politik wird so der Weg bereitet für laute Radikale.

Was können wir tun? Unsere eigene Wahrheit und Umsetzungskraft entgegensetzen. Die Ethik Kodizes helfen bei der Positionierung, indem sie das Selbstverständnis und den Selbstanspruch unseres Berufsbilds in Worte fassen. Es sind eben die Grundwerte wie Verantwortung, Kompetenz und Integrität, die einen Profi auszeichnen. Im Ergebnis unterscheiden sie ihn auch von den post- und prä-faktischen Extremen, denn: „Der Projektmanager übernimmt die volle Verantwortung für seine Handlungen und Entscheidungen. Seine berufliche Position ist auf eigene Leistungen gegründet.“ (GPM Ethik Kodex, Abs. 3 zu Integrität)


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