Unterschiedliche Zeitverständnisse im Projekt überbrücken

Kurz vor Weihnachten geraten wir in Deutschland wieder in Stress, müssen doch noch so viele Dinge vor den Feiertagen erledigt werden. Das Jahr läuft ab und das neue Jahr soll mit leerem Schreibtisch begonnen werden.

Dies ist nicht überall so. Mal davon abgesehen, dass nicht alle Kulturen dem christlichen Glauben, und damit auch Jahresrhythmus folgen, findet man weltweit ein sehr unterschiedliches Zeitverständnis. Oft prallen die unterschiedlichen Sichtweisen auch in Projekten aufeinander und machen die Kooperation im Projekt schwer. In Deutschland folgen wir einem eindeutig gerichteten Zeitverständnis, alles hat einen Anfang und ein Ende, so das Kalenderjahr, das Leben und natürlich auch die (Projekt-)Arbeit. Die Zeit wird in Phasen, Abschnitte bzw. Zeiteinheiten eingeteilt und ziemlich exakt verplant. Das Vorgehen ist in unserem Kulturkreis eher linear, sequentiell („monochron“), d.h. es wird eher eins nach dem anderen gemacht. Pünktlichkeit ist ein wichtiger Wert für die Zusammenarbeit, den es unbedingt einzuhalten gilt. Arbeitszeit steht vor Freizeit und wird entsprechend höher gewichtet.

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Foto: Reinhard Wagner

Im südlichen Europa und in Lateinamerika herrscht dagegen ein anderes Verständnis vor, das wir auch „polychron“ bezeichnen würden. Zeit für Beziehung wird höher gewichtet als die Arbeitszeit. Die Arbeit wird eher parallel erledigt, d.h. nicht eins nach dem anderen, sondern zusammen. Was für uns eher chaotisch und unstrukturiert wirken mag, ist in diesem Kulturkreis normal. Der Einhaltung von Terminen wird eine niedrigere Priorität eingeräumt als bei uns. Im Vordergrund stehen Beziehungen, die Kommunikation und Zusammenarbeit. Arbeit wird eher flexibel gehandhabt, was in nicht wenigen Projekten zu Konflikten führt.

In China und eher buddhistisch geprägten Ländern gibt es dagegen noch ein anderes Zeitverständnis. Es geht von eher langfristigen, auf natürlichen Abläufen basierenden zyklischen Zeitabläufen aus. Wenn man aus einer deutschen Perspektive argumentiert, dass die Termine wichtig sind und deren Einhaltung Pflicht, erntet man vermutlich ein mitleidiges Lächeln und die Antwort „alles ist im Fluss“. Der Einfluss des Menschen auf die natürlichen Abläufe wird in vielen Kulturen Asiens als gering eingestuft. Das bedeutet für Projekte, dass Pläne nur zur Orientierung dienen und flexibel an die sich ändernden Rahmenbedingungen angepasst werden können. Die Arbeit in Projekten muss sich sogar manchmal spirituellen und natürlichen Abläufen unterordnen, der Mensch nimmt sich nicht so wichtig…

In Projekten treffen oft Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen in Bezug auf die Zeit aufeinander. Der Projektmanager sollte sich der Unterschiede im Zeitverständnis bewusst sein und zu Beginn – z.B. während eines Kick-offs – den Austausch im Team zum Zeitverständnis fördern. Dies kann spielerisch im Rahmen einer kleinen Aufgabenstellung unter Zeitdruck geschehen, oder durch Erzählungen, z.B. welche Erfahrungen das Team im Umgang mit knappen Terminen in der Vergangenheit gesammelt hat. Bei der gemeinsamen Planung der Aufgaben können die unterschiedlichen Sichtweisen berücksichtigt werden, z.B. durch Pufferzeiten zwischen den einzelnen Aufgaben oder durch Berücksichtigung von Zeiten für informelle Treffen (in Lateinamerika genauso wichtig wie in China). In der Planung kann sicherlich – abweichend zur deutschen Planungsphilosophie – Raum für Parallelaktivitäten vorgesehen werden. Auch die Planungstiefe sollte an die kulturellen Gegebenheiten angepasst werden, d.h. in  China besser nicht so detailliert planen, es ändert sich ja eh recht schnell wieder. Auch bei der Steuerung sollte er weniger die penible Einhaltung der Pläne einfordern, sondern auf die Erreichung der Ziele über einen eher breit angelegten „Korridor“ hinwirken.

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