Spannungsfeld Theorie-Praxis

Auf den ersten Blick könnte man denken, es gäbe genug Theorien zum Thema Projektmanagement. Auf den zweiten Blick sieht es jedoch anders aus: Es gibt genügend bewährte Methoden, Techniken und Regeln, die für „triviale“ Projekte durchaus genügen. Je komplexer/agiler die Situation oder das Projekt ist, desto hilfreicher ist hingegen die Abstützung auf Theorien, Prinzipien, Werte und Führung. Und hier gibt es meiner Meinung nach viele Löcher und blinde Flecken. Bei komplexen Problemstellungen ist es zudem von Vorteil, ausgetretene Pfade zu verlassen, damit neue Erkenntnisse gewonnen werden können. Dabei kann es hilfreich sein, wenn Projekte aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden; je nachdem ob ich z.B. ein Projekt als sozialen Prozess, als temporäre Organisation oder als Veränderungsprozess betrachte, komme ich zu anderen Schlussfolgerungen.

Die fünfte GPM Forschungswerkstatt wird sich Ende November 2011 mit dem Thema „Theorie(n) der Projektarbeit“ befassen. Es wäre hilfreich für die Diskussion an der Forschungswerkstatt, vorgängig möglichst viel Feedback von den Lesern des GPM BLOGs zu folgenden Fragen zu erhalten:

  1. Zu welchen Problemen in Ihrer täglichen Projektarbeit vermissen Sie Hilfestellung durch Theorien und Prinzipien am meisten?
  2. Was erwarten Sie als Praktiker von einer Theorie?
  3. Wie stellen Sie als Wissenschaftler sicher, dass Ihre Theorie das Praxishandeln leitet bzw. Impulse für die Praxis bietet?

Selbstverständlich sind auch weitere Inputs zum Spannungsfeld Theorie-Praxis willkommen, die nicht direkt auf obige Fragen Bezug nehmen.

Schlagwörter: , ,

Kommentare

  1. avatar Andreas Heilwagen

    In der täglichen Projektarbeit sehe ich eine dringend zu schließende Lücke zwischen klassischem Projektmanagement und agilen Vorgehensweisen wie Scrum. Ein überzeugendes „agiles Projektmanagement“ konnte aus meiner Sicht noch niemand vorlegen, meist handelt es sich um mehr oder weniger geeignete Änderungem am klassischen Projektmanagement, die bisher keinen ausreichenden Reifegrad aufweisen. Der wirkliche Brückenschlag fehlt, u.a. das Scrum bis jetzt theoretisch wenig untermauert wurde.

    Deshalb ist mir der Brückenschlag zwischen klassischem PM und agilen Vorgehensweisen wichtig, basierend auf theoretischen Grundlagen beider Welten, wobei in der Wissenschaft Scrum noch zu untermauern ist.

    1. Es gibt durchaus Ansätze, auf denen man in Ihrem Sinne weiter forschen könnte. Ich möchte da z.B. an die leider vergessenen Konzepte von McFarlan (uralt) und Sizemore House (Weiterentwicklung von McFarlan) erinnern, die durchaus als Ausgangspunkt gewählt werden könnten. Ihrer Kritik stimme ich zu. Einige Autoren übertragen ohne Skrupel und ohne genauere Ausführungen Agiles PM einfach von der IT auf andere Branchen. Berüchtigt ist dafür vor allem Kathleen B. Hass. Man macht das einfach, weil agil zur Zeit populär ist.

      1. avatar Stephen Rietiker

        Was mir vor allem fehlt, ist eine praktisch anwendbare Hilfestellung, die mir aufzeigt in welchen Fällen/Situationen bzw. für welche Projektarten Agiles PM sinnvoller wäre als „Traditionelles PM“. Agile Vorgehensweisen und Agiles PM sind keine „Silver Bullets“, die alle Probleme lösen. Agiles PM macht nicht mal in der IT immer Sinn. Der von Herr Heilwagen angesprochene Brückenschlag ist überfällig.

    2. avatar Stephen Rietiker

      Danke für den Kommentar, Sie sprechen mir aus der Seele. Da ist noch einiges an Brückenschlags-Aktivitäten nötig.

  2. Wo ich mir mehr Input wünschen würde, wäre das „peoples business“. Also Einfluss von Organisationsformen, konkurrierende Zielvorgaben der Beteiligten, Veränderungsangst und dergleichen auf Vorgehen und Dokumentation.

    1. avatar Stephen Rietiker

      Können Sie Ihr Anliegen noch etwas konkretisieren? Für die von Ihnen angesprochenen Punkte – die durchaus relevant sind – gibt es doch schon eine ganze Menge an erprobten Hilfsmitteln, z.B. die ganze Welt des (Behavioral) Change Managements, Stakeholder Management oder Projektumfeldanalyse…

  3. Hier zeigt sich schon die Vielfalt der Richtungen, der Mix aus „harten“ und „weichen“ Theorien, bei agilem Projektmanagement aber, da kommt es aus meiner Sicht ja auch zu einer Symbiose der beiden Theoriestränge, das macht es ja auch so spannend. Übrigens ist die nächste InterPM genau diesem Thema gewidmet, mehr unter http://www.interpm.de

    1. „…
      da kommt es aus meiner Sicht ja auch zu einer Symbiose der beiden Theoriestränge,
      …“
      Darum geht es! In Projekten, die von dynamischen Umwelten richtig toll umarmt werden, sind weiche Theorien härter als die harten.

      In diesem Sinne finde ich das Thema für InterPM 2012 genau passend.

      Grüße
      tural

  4. Lieber Rietiker!

    Zunächst ein Zitat von Ihnen:“Bei komplexen Problemstellungen ist es zudem von Vorteil, ausgetretene Pfade zu verlassen, damit neue Erkenntnisse gewonnen werden können. Dabei kann es hilfreich sein, wenn Projekte aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden; je nachdem ob ich z.B. ein Projekt als sozialen Prozess, als temporäre Organisation oder als Veränderungsprozess betrachte, komme ich zu anderen Schlussfolgerungen.“ Ich kann Ihnen da nur aus vollem Herzen zustimmen. Das Buch von Winter und Szczepanek, Images of Projects (siehe meine ausführliche Besprechung in der PM aktuell 5-2011, kommt im November) verfolgt, auf der Basis des Konstruktivismus, genau diesen Ansatz und ist aus meiner Sicht eminent praktisch. Eine „grand unified theory“ des Projektmanagements wird es meines Erachtens nicht geben, wohl aber eine Theoriegebäude, das auf den Konzept der Images, das noch verbesserungswürdig ist, aufbaut.

    1. avatar Stephen Rietiker

      Ich bin gespannt auf Ihre Rezension von „Images of Projects“. Das Buch zeigt auf eindrückliche Weise, wir wir Projekte neben der traditionellen Sicht auch noch sehen können. Das den „Images of Projects“ vom Konzept her zugrunde liegende Werk „Images of Organization“ von Gareth Morgan bezieht sich nicht auf Projekte im Besonderen, sondern auf Organisation im Allgemeinen, ist aber auch sehr augenöffnend.

      Der Frage ob es eine „grand unified theory“ des Projektmanagements geben kann und wird, werden wir an der Forschungswerkstatt Ende Monat in Berlin voraussichtlich nicht abschliessend beantworten können. Ich erhoffe mir aber zumindest einige Aha-Effekte und einen Ansatz zur „Kartographierung“ der verschiedenen Theorien, Disziplinen, Prinzipien und Modellen, die für Projektmanagement relevant und hilfreich sind.

      1. Kartographierung halte ich für eine ausgesprochen glückliche Bezeichnung. Ich meine aber auch, dass die „Images“ einen hervorragende Hilfe bei der Vorbereitung eines Projekts bzw. bei der Beurteilung einer kritischen Situation im Projekt bieten und zwar einfach deshalb, weil man das Vorhaben bzw. die Situation aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten lernt.. Joseph Weizenbaum hat einmal gesagt: „Für den, der nur einen Hammer hat, sieht die ganze Welt wie ein Nagel aus.“ Die Images, deren Konzept allerdings weiterentwickelt werden müsste, liefern uns nicht nur einen Hammer, sondern auch noch andere Werkzeuge, vielleicht sogar ein Mikroskop. Ich habe in meiner Besprechung (PM aktuell 5-2011) versucht, das an einem einfachen Beispiel aus meiner Praxis zu verdeutlichen.

  5. […] Management-Schwerpunkt auf dem IPMA World Congress 2011 von Reinhard WagnerBereich Meinung – Spannungsfeld Theorie-Praxis von Stephen RietikerBereich News – Neue Norm für Multiprojektmanagement verfügbar von Ralf […]

  6. Ich stimmte zu, dass „Images of Projects“ für Viele ein Eye Opener sein dürfte. Allerdings darf nicht übersehen werden, das das Orginal von G. Morgan bereits 1986, also 23 Jahre vor dem Buch von Winter und Szczepanek erschienen ist. Soll man sich im Projektmanagement mit einem solchen Timelag begnügen? Ich denke NEIN.

    1. avatar Stephen Rietiker

      Einverstanden, der Timelag ist nicht recht gross. Wenn wir uns nicht damit begnügen wollen, gibt es aus meiner Sicht zwei grundsätzliche Handlungsalternativen: wir basieren auf etwas das ähnlich fundiert aber neueren Datums ist als die „Images“ (etwas derartiges ist zumindest mir nicht bekannt, aber ich habe auch nicht die „totale Übersicht“) oder wir erschaffen etwas ähnlich Fundiertes unter Berücksichtigung neuer Erkenntnisse.

      1. Wir müssen das Konzept weiterentwickeln. Die beiden Verfasser sind selbst dafür offen, wie sie in ihrem Buch immer wieder betonen. Die „Images“ sind aber ein hervorragender Anfang.

        1. avatar Stephen Rietiker

          Da bin ich voll bei Ihnen. Mal sehen was bei der Forschungswerkstatt rauskommt. Wenn es ein Forschungsprogramm geben sollte, wäre z.B. denkbar, die Images mit neuen Erkenntnissen (u.a. aus dem deutschsprachigen Raum) zu ergänzen oder mit den beiden Verfassern gemeinsam weiterzumachen. Let’s be creative…

    2. Ich habe in meiner Rezension des Werks, die in der Novemberausgabe von pmaktuell erscheint, ausdrücklich geschrieben, dass ich mit einigen Images Mühe haben und dass das Konzept weiterentwickelt werden mussl. Anders ausgedrückt: Wir müssen den timelag nicht akzeptieren, aber Winter und S. haben halt einmal den Anfang gemacht. Wir müssen weitermachen.

  7. Zu einer Theorie des PM: In der akademischen BWL ist man im Moment recht unzufrieden mit der Zersplitterung in viele Teilgebiete und die zunehmende Spezialisierung. Man wünscht sich eine Allgemeine BWL, die eine Art Klammer ist. In diesem Zusammenhang hat man die Institutionenökonomie ins Spiel gebracht. Ich bin kein großer Kenner dieses Theoriegebäudes, könnte mir aber vorstellen, dass auch unsere Disziplin davon profitieren könnte. So weit mir bekannt ist, ist der Theorieansatz auf PM bisher noch niemals angewendet worden.

Leave a Reply

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Benötigte Felder sind markiert. *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>