Shanzhai, oder Pragmatismus auf Chinesisch

Letzte Woche war ich in China, um ein IPMA Delta Assessment für ein großes Industrieunternehmen im Süden Chinas durchzuführen. Auf dem Flug habe ich ein interessantes Buch über Shanzhai gelesen. Zuerst konnte ich nichts mit dem Begriff anfangen, je mehr ich mich eingelesen habe und die Erläuterungen des in Deutschland lehrenden Koreaners Byung-Chul Han auch bei meinem Assessment überprüfen konnte, verstehe ich nun so manches besser.

Schuh-Kopien in China (Foto: Reinhard Wagner)

Schuh-Kopien in China (Foto: Reinhard Wagner)

Wenn man es sich leicht machen möchte bei der Übersetzung des Begriffs, dann bedeutet Shanzhai so etwas wie „Fälschung“ oder „die Kunst des Kopierens“. Und tatsächlich findet man fast an jeder Ecke Chinas dreiste Kopien, wie z. B. die im Bild dargestellte chinesischen Schuhe, die sehr deutlich der Marke Nike nacheifern, um es mal freundlich auszudrücken. Darauf angesprochen sind die Chinesen erst mal etwas verlegen, danach erklären sie aber wortreich, dass das gar nichts mit dem Original zu tun hätte, sondern eine Weiterentwicklung für den chinesischen Markt sei, deutlich angepasster und vor allem günstiger als die westlichen Produkte.

Byung-Chul Han begründet diesen Pragmatismus mit der Herkunft und dem Verständnis der Asiaten. Das Leben ist ein sich endlos wandelnder Strom, Veränderungen und Anpassungen sind etwas Normales. Es gibt auch keine absolute Wahrheit, man „spürt nicht dem Wesen oder dem Ursprung, sondern den veränderlichen Konstellationen der Dinge (pragmata) nach. Es gilt, den veränderlichen Lauf der Dinge zu erkennen, ihm situativ zu entsprechen und daraus Nutzen zu ziehen.“ Das zeigt sich meiner Ansicht nach durch die unglaubliche Geschwindigkeit, in der sich China transformiert und in eine neue Zukunft katapultiert.

Bei diesem „Sprung“ setzt man in China auch stark auf Projektmanagement. Die Chinesen haben erkannt, dass sie in puncto Leistungsfähigkeit noch aufholen müssen und investieren deshalb in neue Projektmanagement-Konzepte und Lösungen, egal von wem sie kommen. Da findet man dann neben der IPMA-Zertifizierung, PM-Methodiken von PMI, Auszüge aus PRINCE2 und ITIL wie auch CMMI basierte Prozesse, alles kunterbunt zusammengewürfelt und zu einem neuen Konzept vereint. Allein bei den Unternehmenswerten bzw. den Führungsgrundsätzen greifen die Unternehmen auf chinesische Philosophien zurück. All das wird von überwiegend jungen und hochmotivierten Mitarbeitern (und vor allem Mitarbeiterinnen), die teilweise im Ausland studiert haben und das Gelernte im neuen Kontext mit Leben füllen, umgesetzt . Wenn ich ein Wort dafür finden müsste, ich würde „agil“ wählen, genauso ist auch die Entwicklung in vielen Unternehmen. Auf jeden Fall ist man in China pragmatisch, das ist klar. Da erfreute es mich, als die Chinesen mich am Ende des Assessments noch mit den folgenden Worten verabschiedet haben: „Du bist eigentlich untypisch für einen Deutschen, Du bist so pragmatisch …“


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