Projektmanagement in Japan

In den letzten Wochen konnte ich mir während einer Japan-Reise Einblicke in das Projektmanagement in einem für uns fernen Land verschaffen. Ähnlich wie Deutschland war auch Japan nach dem Krieg stark abhängig von den USA und orientierte sich in vielen Belangen an der Weltmacht. Als 1983 der Vorläufer des PMBOK-Guide als Whitepaper herauskam, da übernahmen viele Unternehmen in Japan den Standard für ihr Projektmanagement. Nicht verwunderlich, so ist das PMI-Chapter in Japan heute die größte Vereinigung von Projektmanagern im Lande.

Erst Ende der 1990er wurde in Japan durch Dr. Hiroshi Tanaka ein jährliches PM Symposium durchgeführt, dass sowohl Akademiker wie auch Firmenvertreter zu einem Austausch zusammenbrachte. Diese Aktivitäten wurden vor 9 Jahren in eine neue Gesellschaft eingebracht, die Project Management Association of Japan (PMAJ), mehr unter:  Seit einigen Jahren erweitert man die bekannten Projektmanagement-Methoden auf Basis des bekannten SECI-Modells von Ikujiro Nonaka und Hirotaka Takeuchi. Dies ist ein Spiralmodell zur Wissensgenerierung und wird auf verschiedenen Ebenen mehrfach durchlaufen. Zuerst wird mit Hilfe von „Sozialisation“ Wissen in der Zusammenarbeit erworben und ist implizit verfügbar. Durch „Externalisierung“ wird dieses implizite Wissen erfasst, dokumentiert und in explizites Wissen umgewandelt (z.B. PM-Standards). Danach greift die „Kombination“ (engl.: Combination), bei der das explizierte Wissen mit anderem Wissen vermengt wird und so neues Wissen entsteht. Schließlich wird durch „Internalisierung (lat.: verinnerlichen)“ das neue Wissen verinnerlicht. In einer nächsten Stufe kann es an anderen Menschen, Gruppen oder Organisationen weitergegeben werden. Genauso hat man es in Japan auch mit dem Projektmanagement-Wissen gemacht. Das Wissen zum Projektmanagement à la PMOBOK wurde mit japanischem Management-Know-how vermischt und zu einem neuen Standard weiterentwickelt. Der japanische PM-Standard heißt „Project and Program Management for Enterprise Innovation (P2M)“ und liegt inzwischen in der dritten Auflage vor. Er kombiniert japanische Qualitäts- und Programmmanagement-Philosophie mit den westlichen Konzepten des PMBOK und neuerdings auch ISO 21500 Guidance on Project Management. Seit 2002 zertifiziert die PMAJ auch auf den drei Ebenen „Program Management Architect“, „Project Manager Registered“ und „Project Management Specialist“. Die Basis für die Qualifizierung und Zertifizierung ist der P2M-Standard.

Seit einigen Jahren rückt die PMAJ näher an die IPMA heran, in diesem Jahr wurde z.B. die IPMA Competence Baseline (ICB 3.0) in die japanische Sprache übersetzt. Deutschland und Japan arbeiten auch in der Normung eng zusammen, so wird im Rahmen des ISO/TC 258 Project, Program and Portfolio Management unter gemeinsamer Leitung eine internationale Programmmanagement-Norm entwickelt. Auf Einladung der PMAJ durfte ich zwei Keynote-Vorträge auf dem diesjährigen PM-Symposium in Tokio halten. Diese fanden erfreulicherweise unter der Schirmherrschaft der Deutschen Botschaft in Japan statt. Dabei konnte ich aktuelle Entwicklungen auf dem Gebiet des Projekt-, Programm- und Portfoliomanagements aus Sicht der GPM und der IPMA ansprechen. Das Interesse war groß. Insbesondere wollten die Teilnehmer erfahren, was die GPM und IPMA anders machen als PMI und vor allem, was Japan als Industrienation lernen kann. In einer der nächsten Ausgaben des GPM-Blogs wird der PMAJ-Präsident Akio Mitsufuji in einem Interview Rede und Antwort stehen.

Eine weitere Besonderheit des Projektmanagements in Japan ist der große Einfluss des METI Ministry of Economy, Trade and Industry sowie der großen Industrieverbände. Ohne diese passiert wenig in Japan. So stimmt sich die PMAJ immer intensiv mit den Vertretern beider Institutionen ab und integriert diese bei allen Aktivitäten des Verbandes. Diese Verflechtungen gibt es so in Deutschland nicht, allerdings wäre ein größeres Engagement des Bundes wie auch der Spitzenverbände bei der oder für die GPM durchaus wünschenswert.


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Kommentare

  1. Bitte sagen sie mir, wie sie den begriff zu übersetzen “ Sie kleiden sich mit Geschmack!“. Versucht, zu übersetzen mit http://deutsch.opentran.net/japanischer aber nicht sicher, das ist richtig.

  2. avatar Jochen Schauenburg

    Sehr geehrter Herr Wagner,

    bin heute per Zufall auf Ihren Beitrag über Projektmanagement in Japan geraten und hoffe, dass Sie mir eine kleine Hilfestellung bei folgendem Problem geben können:

    1. Schon lange verwende ich in meinen Vorlesungen und Vorträgen eine Grafik aus den späten 80er oder frühen 90er Jahren, die zeigt, dass die durchschnittliche Projektdauer für einen definierten Projektumfang in Japan kürzer ist als in Deutschland.(das gilt nur für die damalige Zeit. Ich denke, dass wir da heute in Deutschland auch weiter sind).
    2. Die Begründung liegt in der dort aufwändigeren Entscheidungsphase, die dann eine präzisere und schnellere Umsetzungsphase erlaubt, auch verbunden mit geringeren Termin- und Kostenüberschreitungen.
    3. Diese Grafik möchte ich jetzt in einer neuem Veröffentlichung verwenden um den Nutzen einer umfassenden Projektplanung zu belegen.
    4. Mein Problem ist, dass ich die Quelle nicht mehr habe. Ich erinnere mich aber, dass ich diese Grafik, die ich Ihnen bei Bedarf auch zukommen lassen könnte, seinerzeit einer Veröffentlichung der GPM entnommen habe.

    Es wäre ganz großartig, wenn Sie mir hier helfen könnten.Dabei muss es nicht unbedingt diese Grafik sein. Eine andere Quelle, die belegt, das ein umfassendes Projektmanagement zu einer höheren Qualität der Projektumsetzung führt, würde mir auch helfen.

    Herzlichen Dank im Voraus und beste Grüße

    Jochen Schauenburg

    PS.: Falls es Sie interessiert, finden Sie mehr über meine Aktivitäten unter http://www.Schauenburg-Consulting.de

    1. Guten Morgen Herr Schauenburg, bin derzeit in Japan, die Herangehensweise in Projekten ist anders, man diskutiert viel am Anfang (frontloading) und vereinbart dann den Umfang und ändert nicht mehr so viel wie in Deutschland. Das hat sich auch bei uns in D verbessert, aber wir sind hier flexibler, was Änderungen (last minute changes) angeht, was dann oft zu fire fighting und trouble shooting führt (siehe auch öffentliche Projekte). Ich weiß nicht, auf welche Grafik Sie sich beziehen, solche Untersuchungen gab es schon in der Automobilindustrie… Auf der GPM-Webseite gibt es unter Know-how viele Forschungsergebnisse, da werden Sie sicher auch fündig. Gruß aus Tokio

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