Schluss mit den Schattenkämpfen! Mehr Pluralität im Projektmanagement

Mein Blogger-Kollege Dr. Hagen hat jüngst in seinem Blog einen Beitrag veröffentlicht, der mir vollkommen aus der Seele spricht: „Schattenkämpfe im Projektmanagement – Schluss damit!„. Er stellt darin die These auf, dass die meisten Experten- und Praktiker-Diskussionen im Zusammenhang mit dem vermeintlich „richtigen Vorgehen“ in Projekten reine Schattenkämpfe sind. Da werden „Klassisches Projektmanagement“ und deren Protagonisten hingestellt, als würden sie aus dem Mittelalter kommen und allein das neue, das agile Projektmanagement als Segen propagiert. Damit lässt sich natürlich viel Aufmerksamkeit erzielen, oder Publicity für seine Dienstleistungen machen. Interessanterweise sind die meisten Protagonisten des agilen Projektmanagements Berater, die ihre Ansätze nur selten selbst ausprobiert haben oder nur in einem recht begrenzten Feld arbeiten, so z. B. in der Software-Entwicklung. Es gibt meiner Ansicht nach weder „klassisch“ noch „modern“, denn die klassischen Ansätze haben sich natürlich in den letzten Jahren auch weiterentwickelt und werden flexibel, ja teilweise sogar sehr agil angewendet. Auch das agile Projektmanagement kommt in der Regel nicht so agil daher wie es den Anschein hat. Da wird nämlich viel „Klassik“ beigemischt oder etwas Klassischem (wie z. B. dem „Kanban“ aus der Automobilindustrie der 1950er) der Anstrich des Modernen und Agilen gegeben.

Dr. Hagen verweist zu Recht auf das, was wirklich weiterhilft, nämlich dem situativ angepassten Projektmanagement. Das macht natürlich erst mal Mühe, den Projektkontext zu analysieren und Anforderungen für das Projektmanagement abzuleiten. Ob das Projektmanagement mehr oder weniger planungsbezogen sein sollte, ob eher „hart“ oder „weich“, ob es überhaupt eines Projektmanagers bedarf oder nicht, das kann erst mit einem profunden Blick auf die individuellen Anforderungen beantwortet werden. Das ist ein bisschen wie auch in der Medizin. Aspirin mag gut sein und für viele Anwendungsfälle helfen, bei allen Krankheiten hilft es indes nicht. Hier ist dann wieder der Arzt oder Apotheker gefragt.

Es ist an der Zeit, liebgewonnene Paradigmen (egal ob klassisch oder agil) über Bord zu werfen und sich an die Arbeit zu machen. Die Arbeit für den Projektmanager besteht darin, die Ausgangssituation des Projektes und die Anforderungen an das Projektmanagement genau zu analysieren und daraus die richtigen Schlüsse für ein angepasstes Projektmanagement zu ziehen. Die oben adressierten „Experten“ können dem Projektmanager dabei behilflich sein und Methoden wie auch Modelle für diese Analyse an die Hand geben und Projektmanager dabei ertüchtigen, nicht die „erstbeste“ Methode anzuwenden, sondern differenziert vorzugehen. Dabei steht aus meiner Sicht heute ein breiter Instrumentenkoffer für das Projektmanagement zur Verfügung, der weit über das klassische Projektmanagement der 1950er hinausgeht. Allein die Wahl der „richtigen Medizin“ ist die Herausforderung!

Ein Plädoyer für mehr Pluralität im Projektmanagement findet sich in einem meiner Lieblingsbücher, nämlich „Images of Projects“ von Mark Winter und Tony Szczepanek (Buch auf amazon.de und Buchbesprechung auf pmaktuell.org). Es zeigt in sieben Bildern die Vielfalt der Projekte und damit die Notwendigkeit für unterschiedliche Projektmanagement-Ansätze auf – und ich glaube es gibt noch mehr Facetten, die Winter/Szczepanek in ihrem Buch nicht berücksichtigt haben. Hier gibt es also noch viel zu entdecken, da sind Schattenkämpfe rückwärtsgerichtet und kontraproduktiv.


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Kommentare

  1. Ich kann Reinhard nur zustimmen. Die Diskussion über PM-Methoden scheint mir selbst oft hermetisch und nur „Eingeweihten“ zugänglich. Manche PM-Experten kommen mir wie Köche vor, die darüber diskutieren, nach welchen Rezepten wir unser Essen zubereiten sollten, anstatt sich darum zu kümmern, ob es den Gästen schmeckt.

    Ich bin mir allerdings nicht sicher, wie viel Aufwand man wirklich in die Wahl der passenden PM-Methode stecken sollte. Für meinen Geschmack betreiben wir oft plannerisches und konzeptionelles Overengineering, anstatt laufend und quasi evolutionär die Wirksamkeit unseres Managements im Projekt zu prüfen.

  2. Vielen Dank, Herr Wagner, dass Sie die guten Gedanken von Stefan nochmals aufgreifen. Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen. „Die Arbeit für den Projektmanager besteht darin, die Ausgangssituation des Projektes und die Anforderungen an das Projektmanagement genau zu analysieren und daraus die richtigen Schlüsse für ein angepasstes Projektmanagement zu ziehen.“ Das deckt sich absolut mit meiner Projektmanagement-Philosophie: http://fuehrung-erfahren.de/2013/09/meine-projektmanagement-philosophie/

  3. […] möchte auf zwei Blogbeiträge hinweisen. Stefan Hagen im Projektmanagement Blog und Reinhard Wagner im Blog der GPM sprechen sich für ein Ende der Schattenkämpfe um Worte und Begriffe aus. Ich stimme beiden zu. […]

  4. […] Dann gibt noch die vielen PM-Zertifizierten unterschiedlichen Levels. Die sprechen die Sprache der Experten für die Atomisierung grosser Aufgabe in Pakete, machen Umwelt- und Risikoanalysen. Dann geht's los mit WBS, Gantt und kritischen Pfaden. Das sich auch die Experten für mehr Methodenvielfalt einsetzen und Kontextbezug bei der Auswahl, zeigt der Beitrag "Schluss mit den Schattenkämpfen! Mehr Pluralität im Projektmanagement". […]

  5. […] Dann gibt noch die vielen PM-Zertifizierten unterschiedlichen Levels. Die sprechen die Sprache der Experten für die Atomisierung grosser Aufgabe in Pakete, machen Umwelt- und Risikoanalysen. Dann geht’s los mit WBS, Gantt und kritischen Pfaden. Das sich aber auch die Experten für mehr Methodenvielfalt einsetzen, zeigt der Beitrag “Schluss mit den Schattenkämpfen! Mehr Pluralität im Projektmanagement”. […]

  6. avatar Karl-Wilhelm von Rotenhan

    Projekte sind anders .. als… Einig sind sich da eigentlich alle. Aber muss das denn zum allseits erkannten Paradigmenstreit führen?
    Das Problem liegt eher in der Grundkonditionierung von Projektmanagern (= Jägern) im Gegensatz zu jener von Qualitätsmanagern (= Sammlern).

    Alle Projektarbeit wird mühselig, wenn ich als Führungskraft oder Coach oder Begleiter resp. Beobachter zunächst mal das generelle Wording klären muss, bevor wir zur Sache kommen können.
    Letztendlich zählt der Erfolg und das Ergebnis nicht der Streit um die Methode.
    Das Credo aller PMs sollte sein:
    Es ist wie beim Kochen: Dafür gibt es Grundregeln und Prinzipien naturwissenschaften. Aber wie das Essen schmeckt und bekommt ist abhängig vom Koch, den Gewürzen und der Art des Vorgehens bei der Zubereitung sowie der Darreichungsform. Manches wenn auch noch so köstlich passt einfach nicht zusammen und manche scheinbar abstruse Kombination führt zu überraschenden Ergebnissen.

    Solange wir uns darüber einig sind, dass eine einheitliche Bezeichnung von Methoden und Werkzeugen vorhanden ist, solange werden wir jedenfalls jede Menge Spaß und Erfolg im Projekt haben.
    Übrigens beginnt sich der „PM Gewürzschrank“ gerade – Danke auch an Dr. Wagner und die ISO 21500 – mit einem Mindestvorrat an PM üblichen Zutaten zu füllen.

    Und welche Küche bevorzugen Sie? Hoffentlich nicht nur Fastfood!

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