Projekte und Projektmanagement in Saudi-Arabien

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Bilder: Wagner

Letzte Woche hatte ich die Gelegenheit, interessante Einblicke in Projekte und Projektmanagement von Saudi-Arabien zu gewinnen. Das Königreich Saudi-Arabien deckt den größten Teil der arabischen Halbinsel ab und ist als einer der größten Erdölexporteure weltweit bekannt. Die Bezeichnung des noch jungen Staates geht auf die Familie al-Saud zurück, die seit 1902 die Geschicke des Landes bestimmt. Das Land ist strenggläubig und islamisch-konservativ, was sich auch im Alltag stark wiederspiegelt, so wird der Alltag regelmäßig durch Gebetspausen unterbrochen, die Bewegungsfreiheit von Frauen ist sehr eingeschränkt und sie müssen sich an bestimmte Verhaltensregeln halten (z.B. dürfen Frauen in den meisten Landesteilen nicht Auto fahren). Die Bevölkerung Saudi Arabiens konzentriert sich auf wenige Städte, so leben ungefähr 7 Millionen der 29 Millionen Einwohner in Riad, der boomenden Hauptstadt.

DSC04054Wirtschaftlich dominiert die Erdölindustrie mit allen verwandten Industriezweigen. So kommt ungefähr 15 Prozent des weltweiten Erdöls aus 50 Erdölquellen in Saudi-Arabien, verteilt über das ganze Land. Der staatliche Erdölförderer Saudi-Aramco ist eines der bedeutendsten Unternehmen, die eng mit der Führungselite und den Ministerien vernetzt ist. Die USA waren bis vor Kurzem einer der wichtigsten Abnehmer des Erdöls aus Saudi-Arabien. Nachdem die Vereinigten Staaten aber durch Fracking inzwischen selbst über genügend Gas und Öl verfügen, sind die Beziehungen merklich abgekühlt und Saudi-Arabien orientiert sich neu, politisch wie wirtschaftlich. Die Einnahmen aus dem Erdöl werden in die Bildung, das Militär und in die Infrastruktur gesteckt. So wird das Bildungsangebot systematisch ausgebaut und deckt von islamischer Lehre bis zu modernen Wissenschaften ein breites Spektrum ab. Das Militär wurde in den vergangenen Jahren massiv aufgerüstet. Dies geschah einerseits zu Zeiten des Golf-Krieges wegen einer möglichen Bedrohung aus dem Irak, richtet sich heute aber insbesondere gegen den Iran, der als schiitisch-geprägte islamische Republik eher als Gegner in der islamischen Welt wahrgenommen wird. Dies zeigt sich derzeit auch an der militärischen Auseinandersetzung im Jemen, wo die durch den Iran unterstützten Huthi-Rebellen gegen die sunnitische Regierung vorgehen und von Saudi-Arabien bombardiert werden.

DSC03911Die Infrastruktur des größtenteils aus Wüste bestehenden Landes muss dringend ausgebaut werden. So laufen derzeit anspruchsvolle Großprojekte, wie z.B. der Bau einer Metro in Riad und der Aufbau einer Schnellzugstrecke mit fast 3.000 Schienenkilometern, die wichtige Städte wie Mekka, Medina, Dschidda und Riad verbinden soll. Im Westen des Landes, zwischen Mekka und Medina gelegen, entsteht eine völlig neue Stadt, die sogenannte „King Abdullah Economic City“. Sie ist ein Beispiel für den unbedingten Willen des Landes, eine Modernisierung einzuleiten und die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren. Allein in diesem Zusammenhang sind Projekte im Volumen von bis zu 100 Milliarden US-Dollar geplant. Aber auch in den anderen Städten gibt es viele Infrastrukturprojekte, die ein modernes Projektmanagement erfordern.

IMG_6455Ich hatte die Gelegenheit, einen Vortrag auf der „4. Saudi Project Management Conference“ des Saudi Council of Engineers zu halten und dabei ein breites Spektrum von Vorträgen zu hören. Das Saudi Council of Engineers ist eine staatlich gesteuerte Vereinigung von Ingenieuren aus unterschiedlichen Bereichen und Schwerpunkten. Es gibt seit einigen Jahren auch ein Project Management Chapter, das sich um die Belange des Projektmanagements in Saudi-Arabien kümmert. In den vergangenen Jahren hat man sich hauptsächlich auf das PMBOK von PMI gestützt. Mit den veränderten politischen Rahmenbedingungen beginnt nun ein Umdenken. Erste Projekte werden mit PRINCE2 umgesetzt, auch Trainings und Zertifizierungen haben begonnen, insbesondere bei öffentlichen Projekten. Europäische Firmen, wie z.B. Thales, haben auch die Qualifizierung und Zertifizierung nach IPMA in Saudi-Arabien eingeführt. Nun möchte das Saudi Council of Engineers engere Beziehungen zur IPMA aufbauen. Ein entsprechendes Memorandum of Understanding wurde während der Konferenz unterzeichnet. Das Interesse der Projektmanager in Saudi-Arabien ist einerseits, mehr über das Projektmanagement „Made in Germany“ zu lernen, andererseits aber auch eigen Strukturen und Kompetenzen aufzubauen. Am Ende der Konferenz wurde eine engere Zusammenarbeit zwischen GPM bzw. IPMA und dem Saudi Council of Engineers vereinbart, die dann in eine Mitgliedschaft bei der IPMA münden soll. Dies sind spannende Aussichten, Insha’Allah!

 

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Kommentare

  1. avatar Simon Karnas

    Die Projekte in KSA sind eine wahre Herausvorderung und gut zu wissen, dass die Kolegen Thales in Richtung IPMA gehen. Ich habe meine Projekterfahrungen in meinem Blog http://www.karnas.de/was-muss-ich-alles-bei-einem-projekt-in-arabischen-regionen-beachten/ dokumentiert. Gerne möchte ich hier Erfahrungen mit anderen PM austauschen.

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