Projekte, Projektwirtschaft, Projektgesellschaft - die Projektifizierung unseres Lebens

Der Projektbegriff ist heutzutage allgegenwärtig. Es gibt praktisch keine Situation mehr, in der nicht ein „Projekt“ vorkommt. Die „Projektifizierung“ unseres Lebens leistet ganze Arbeit. So war in den Anfängen des Projektmanagements – Mitte des letzten Jahrhunderts – vor allem in der Luft- und Raumfahrtindustrie von Projekten (und Programmen) die Rede. Später verbreitete sich das Konzept in viele andere Branchen, u.a. in die Automobilindustrie sowie die Informationstechnik (IT). Wie eine Studie des Instituts für Beschäftigung und Employability IBE unter dem Titel „Betriebliche Projektwirtschaft“ zeigt, haben Projekte inzwischen fast alle Bereiche eines Unternehmens erreicht, neben der Forschung & Entwicklung und den anderen operativen Funktionen auch schon die Verwaltung. Der Begriff „Projektwirtschaft“ bezieht sich in diesem Zusammenhang „auf Gruppen von Mitarbeitern (Projektteams), die in zeitlich und thematisch begrenzten Projekten eingesetzt werden. Dies kann einen Teil oder aber die gesamte Arbeitszeit von Mitarbeitern umfassen.“  In der Praxis wird der Begriff heute allerdings inflationär verwendet. Eine schärfere Abgrenzung von Projekten gegenüber Routine- bzw. Standardaufgaben wäre aus meiner Sicht wünschenswert.

Die Deutsche Bank Research hat im Jahr 2007 ein Szenario der Projektwirtschaft aus einer volkswirtschaftlichen Perspektive beschrieben. Die Studie mit dem Titel „Deutschland im Jahr 2020 – Neue Herausforderungen für ein Land auf Expedition“ zeigt ein Szenario auf, bei dem sich Unternehmen zunehmend auf bestimmte Kernkompetenzen konzentrieren, der Markt aber kombinierte Produkte und Systeme nachfragt und sich Unternehmen deshalb in Projekten zusammentun müssen, um die Nachfrage zu befriedigen. Projektwirtschaft steht in diesem Zusammenhang für „zumeist temporäre, außerordentlich kooperative und oft globale Wertschöpfungsprozesse.“ In der Studie wird der Anteil der „Projektwirtschaft“ für Deutschland im Jahr 2020 auf 15% beziffert. In einem persönlichen Gespräch mit dem Autorenteam konnte ich allerdings keine plausible Begründung für diese Zahl bekommen. Deshalb hat die GPM im letzten Jahr eine Berechnung des Anteils der Projektwirtschaft in Deutschland anfertigen lassen. Die neue Erkenntnis: fast 40% des Bruttosozialprodukts in Deutschland wird in Form von Projekten erbracht. Tendenz weiter steigend. Die Projektifizierung der Wirtschaft schreitet also deutlich voran.

Aber nicht nur in der Wirtschaft halten Projekte weiter Einzug, auch in allen anderen Bereichen unserer Gesellschaft. So nimmt das Bewusstsein in Politik und öffentlicher Verwaltung zu, dass Projekte und professionelles Projektmanagement einen wichtigen Beitrag zur Effektivität und Effizienz des Handelns beitragen. Auch im ehrenamtlichen Bereich werden immer mehr Projekte umgesetzt, auch wenn hier oft noch Nachholbedarf im Projektmanagement ist. Mit viel Engagement und Elan wird an der Weiterentwicklung der Kompetenz gearbeitet. Schon in der Schule werden Jugendliche an das Thema Projektarbeit herangeführt und lernen, wie sie die Herausforderungen in Projekten besser bewältigen können. Die Initiative „PM macht Schule“ der GPM unterstützt sie dabei. Auch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft finden Projekte statt, häufig mit weniger Aufmerksamkeit der Community, nichtsdestotrotz mit großer Wirkung auf die Gesellschaft. So z.B. in Bereichen wie Kunst, Kultur, Sport und Musik.

Was bedeutet nun die zunehmende Projektifizierung unseres Lebens? Projekte sind Mittel zur Weiterentwicklung unserer Gesellschaft, sie helfen etwas zu bewegen, voranzubringen, zu verändern oder sogar zu erneuern. Es steht also nicht mehr – wie bislang in der Industrie – die effiziente Abwicklung von Vorhaben im Mittelpunkt, sondern die effektive bzw. nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft selbst. Damit bekommen Projekte eine andere Bedeutung, müssen aber auch ganz anders gemanaged werden. Das Management der Veränderung rückt zunehmend in den Vordergrund eines Projektes, damit auch Stakeholder-, Change- und Kommunikationsmanagement. Die detaillierte Anwendung von Methoden und Tools rückt dagegen in den Hintergrund. Auf dem kommenden PM Forum kann man sich einen Überblick über all die Anwendungsbereiche des Projektmanagements verschaffen. Auch das neue Buch „Managing and Working in Project Society“ von Rolf A. Lundin et al zeigt deutlich auf, wohin die Reise geht. Es bleibt also auch zukünftig spannend!

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Kommentare

  1. Mein Eindruck ist, dass wir mit unseren Methoden, Tools, Strukturen „überstrukturiert“ sind. Wir verlieren uns im Kleinen und schauen kaum noch über unseren Tellerrand hinaus. Der Wunsch alles noch zu verfeinern, anzupassen, zu perfektionieren ist da, deshalb werden auch gerne Routineaufgaben bzw. Standardaufgaben als Projekte definiert, d.h. je perfekter methodisch aufgebaut desto besser läuft´s. Das ist m.E. ein Irrglauben und führt dazu, dass alles zu großen Themen/Projekten aufgebläht wird. Wir sind nicht mehr in der Lage, die „wahren“ Projekte ordentlich umzusetzen, weil alles zu viel Zeit und Kapazitäten kostet.
    Wir sollten also schauen, was sind die „wahren“ Projekte – welche schaffen einen wirklichen Mehrwert, einen nachhaltigen Nutzen und entwickeln unser Unternehmen, unsere Mitarbeiter, die Gesellschaft weiter. Dazu sind pragmatische und „wirkliche“ Führungskräfte notwendig, die ihre Führungsaufgabe ernst nehmen und auch beherrschen. Auch wirklich FÜHREN und entscheiden.
    Wirtschaftskrise, soziale Unruhen, Flüchtlingspolitik, territoriale Interessen einzelner Länder und des weiteren mehr, zwingen uns dazu, die Herausforderungen anzunehmen und die Gesellschaft weiterzuentwickeln und mitzugestalten. Und da gäbe es eine Vielzahl von Projekten die die Gesellschaft (Unternehmen, Bürger, Politik, Vereine etc.) initiieren und umsetzen kann.
    Das bedeutet aber auch, dass Projekte verantwortungsvoll durchgeführt werden. Dass wir bewusster mit Projekten umgehen – weil wir nun wissen, dass Projektergebnisse einen nachhaltigen Nutzen bringen, weil Projekte Sinn stiften, weil die Gesellschaft das Umfeld ist in dem wir weiterhin gut und friedlich leben wollen.
    Diese Verantwortung müssen alle übernehmen, insbesondere sind hier die Projektinitiatoren/-auftraggeber und fähige Projektleiter gefragt.

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