Projektarbeit statt Klausur

Dass die herkömmlichen Methoden der Leistungserfassung und -bewertung nicht mehr zeitgemäß sind, ist allgemein bekannt. Insbesondere in der Wirtschaft werden die Stimmen lauter, alternative kompetenzorientierte Bewertungen anzuwenden. Das klassische Zeugnis hat für sie längst keine Aussagekraft mehr. Große Firmen und Personaldienstleister führen deshalb immer häufiger eigene Tests und Assessments durch, um sich ein realistisches Bild von den Bewerbern zu machen.

Nun wagt es endlich jemand, die stupiden und nichtssagenden Leistungsmessungen in Form von Klausuren nicht nur in Frage zu stellen, sondern auch eine Alternative zu entwickeln. Marc Gennat, 42, ist nicht irgendjemand, sondern Professor am Fachbereich Maschinenbau und Verfahrenstechnik der Hochschule Niederrhein. Im Rahmen des nordrhein-westfälischen Programms „Innovationen in der digitalen Hochschullehre“ hat er 50.000 Euro Fördergeld dafür eingeworben.

Dass dieser Impuls ausgerechnet von einer Hochschule kommt, ist bemerkenswert. Denn seit der Bologna-Reform besteht das Studium vor allem aus verschulten Studiengängen und einer Unzahl von Tests und Klausuren. „Das Studium von heute ist so eingerichtet, wie es vor hundert Jahren die Fabriken waren. Alles ist vorgegeben. Alles ist determiniert.“ (Philip Kovce, Mitglied des Think Tank 30 des Club of Rome)

Für die Hochschullehrer ist es natürlich einfacher, eine ausgedachte Aufgabe zu stellen als ein praxisrelevantes komplexes Problem, das nur im Team gelöst werden kann. Und auch für die Studierenden ist es einfacher, Antworten auf vorgefertigte Fragen auswendig zu lernen. Aber mit den Herausforderungen in ihrer künftigen Berufstätigkeit hat das ziemlich wenig zu tun.

Wenn Gennat nun das Bewertungsverfahren ändern will, muss er auch die Lehre verändern. Schließlich kann man Kompetenzen nur erfassen und bewerten, wenn der Lernprozess zuvor auch kompetenzorientiert gestaltet wurde. Deshalb sollen die Studierenden – so Gennat –  „mit digitalen Tools realitätsnahe Probleme lösen, oder auch mit Excel-Tabellen arbeiten, mit denen sie später ohnehin zu tun haben.“ Als Beispiel nennt Gennat ein Kraftwerk, bei dem die Luftzufuhr nicht optimal reguliert ist. „Wenn bei der Verbrennung zu wenig Luft zugeführt wird, dann entsteht hochgiftiges Kohlenmonoxid. Wenn zu viel Luft reinkommt, dann wird die Flamme zu kalt und die Generatoren arbeiten nicht effizient.“ Innerhalb von Zwei-Stunden-Klausuren ist so eine komplexe Aufgabe nicht lösbar.

In der Testphase sollen Studierende statt der Klausur an sogenannten Demonstratoren praktische Anwendungsprojekte der Regelungstechnik durchführen. Die Ergebnisse sollen dann von externen Fachleuten verglichen und bewertet werden. Wenn dieses Projekt erfolgreich verläuft und anschließend nicht als einsamer Leuchtturm in der Hochschullandschaft endet, könnte das auch positive Auswirkungen auf die vorauslaufenden Bildungsgänge (Gymnasien, Fachoberschulen etc.) haben. Wissenschaftpropädeutik als reflektierte Praxis im Rahmen realer Projekte! Das wäre ein deutlicher Gewinn für künftige Studierende und für die Wirtschaft, in der Projekte eine immer größere Rolle spielen.

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Kommentare

  1. avatar Prof. Dr. Claus Hüsselmann

    Hallo Herr Schoenian,
    Case Studys, Projektarbeiten, Problem based learning etc. sind doch seit Jahren und nicht zuletzt seit der sog. kompetenzorientierten Lehre durch Bologna vielfach Bestandteil der Lehrveranstaltungen. Nicht zuletzt im Fach Projektmanagement selbst!
    Viele Grüße, Claus Hüsselmann

    1. avatar Jürgen Uhlig-Schoenian

      Hallo Herr Professor Hüsselmann,
      Danke für Ihren Hinweis auf die bereits vielfach bestehenden Ansätze zu einer stärker praxisorientierten Lehre. Ich stimme Ihnen zu: Case Studies, Projektarbeiten, Problem based learning etc. sind inzwischen Bestandteil vieler Lehrveranstaltungen. Allerdings kann ich nicht behaupten, einen Überblick zu haben, in welchem Umfang diese innovativen Lehr- und Lernformen bereits angewendet werden. Und ich würde gern unterscheiden zwischen Projekten mit echten Auftraggebern und realen Problemstellungen auf der einen Seite und Case Studies oder rein fachlicher Problembearbeitung auf der anderen Seite. Gerade in Bezug auf den Erwerb von Projektkompetenz bilden m. E. nur Realprojekte das gesamte Spektrum des Projektmanagements ab.
      Hinzu kommt, dass (wie im Schulbereich auch) vieles als Projekt bezeichnet wird, das dieser Bezeichnung nicht gerecht wird. Titel wie „Grundlagen der Gebäude- und Anlagensimulation“, „Mathematische Herleitung psychoakustischer Kenngrößen“ oder „Fahrraddynamik“ deuten eher auf konventionelle Themenbearbeitung hin. Ich habe sie zufällig auf der Homepage der Universität Stuttgart gefunden, wo es aber (entsprechend der Kurzbeschreibungen) auch etliche Realprojekte zu geben scheint, (http://www.gkm.uni-stuttgart.de/projektarbeit/Projekte.html).
      In Frage stellen würde ich auch die weit verbreitete Praxis, eine einzige Projektarbeit durchzuführen und diese dann auch noch in das 5. oder 6. Semester zu legen. Nachhaltige Lernprozesse brauchen Zeit und vor allem benötigen die Lernenden die Möglichkeit aus Fehlern zu lernen. Das geht nur, wenn sie mehr als einmal mit Projektarbeit konfrontiert werden und damit schrittweise – von Semester zu Semester – Projektmanagement-Kompetenz aufbauen können. Falls Ihnen solche Ansätze bekannt sind, sollten sie hier im GPM Blog publiziert werden.
      Freundliche Grüße
      Jürgen Uhlig-Schoenian

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