„PM Camp“-Bewegung – zwischen Anspruch und Realität

Dieses Jahr konnte ich es mir endlich einrichten und habe das PM Camp in Dornbirn besucht. Vor fünf Jahren nahm hier die „PM Camp“-Bewegung ihren Lauf. Im nächsten Jahr finden die „PM Camps“ schon an 11 Standorten in Europa statt. Ich möchte hier meine Eindrücke schildern, die sicher durch meine langjährige ehrenamtliche Tätigkeit bei GPM, IPMA  & Co. gefärbt sein mögen, aber aus dem Blickwinkel verstanden werden sollen, wie wir Projektarbeit insgesamt weiter voranbringen.

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Mein Fazit der Veranstaltung in Dornbirn: sympathisch, inspirierend, empfehlenswert. Ich habe mich an die Zeiten der InterPM sowie der GPM-Forschungswerkstätten zurückerinnert. Die PM Camps ermöglichen mit einer begrenzten Teilnehmerzahl eine hohe Interaktion zwischen den TeilnehmerInnen, teilweise hat ein PM Camp „Familiencharakter“. Die überwiegende Mehrzahl der über 100 TeilnehmerInnen war zum ersten Mal dabei, jedoch gab es auch eine Reihe von „alten Hasen“ in der Runde, die aus vorherigen Runden berichten konnten. Das PM Camp Dornbirn basiert auf dem Prinzip von „Open Space“, d.h. nach einem Keynote können alle TeilnehmerInnen ihre Themen vorschlagen, die dann in 45 Minuten-Slots in Form von Diskussion, Workshop, Spiel und kreativem Ausdruck münden. Die Ergebnisse werden auf der Plattform OpenPM dokumentiert. Das PM Camp Dornbirn findet an der Fachhochschule statt, d.h. die Atmosphäre ist entspannt, auch wenn manchmal die Stühle und Sitzbänke etwas hart sind, tut das der Interaktion keinen Abbruch. Abends wird ausführlich gefeiert und dennoch sind (die meisten) am Morgen wieder „frisch und munter“.

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Die „PM Camp“-Bewegung stellt sich gegen den Mainstream im Projektmanagement. Ich wurde von einem Teilnehmer gar mit den Worten begrüßt, was ich hier beim „Feind“ zu suchen hätte :) Dem möchte ich entgegensetzen, dass Stefan Hagen und Marcus Raitner mich explizit zum Kommen aufgefordert haben. Dies bringt mich auch schon zum Kern dieses Blog-Beitrags. Die „PM Camp“-Bewegung beansprucht für sich, vorauszudenken, Bestehendes in Frage zu stellen, kreativ zu „spinnen“ und so die Projektarbeit voranzubringen. Dazu braucht es kreative Menschen, die quasi „querfeldein“ denken und viele Fragen stellen. Das habe ich in Dornbirn tatsächlich erlebt. Es kommen vor allem Menschen aus kreativen Berufen (u.a. Beratung, Change, Medien und Softwareentwicklung). Die Haltung auf dem PM Camp ist Bestehendes zu hinterfragen, generell viele Fragen zu stellen, Lösungsansätze im Dialog mit anderen zu finden und nicht, fertige Antworten zu liefern. Durch kreative Spiele und die Unterstützung durch moderne Medien wird die Interaktion zwischen den TeilnehmerInnen optimal ausgeschöpft. So wurde schon im Vorfeld der Veranstaltung ein sogenannter „Blog-Roll“ veranstaltet, mit dem die TeilnehmerInnen und alle anderen auf die Veranstaltung vorbereitet wurden. Vor Ort gab es auch eine mitlaufende Twitter-Wall, die vieles nochmals vor-, auf- oder nachbereitete.

Das Motto des diesjährigen PM Camp Dornbirn war „Musterbrechen“ (Welche Muster sollten wir im PM brechen und wie kann der Musterbruch gelingen?).

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Diesem Anspruch konnte das PM Camp nur bedingt gerecht werden. Dies ist aus meiner Sicht auch das Dilemma der gesamten „PM Camp“-Bewegung. Die „jungen Wilden“ (sorry Roland Dürre) wollen sich „krampfhaft“ von den etablierten Größen der Branchen, allen voran die GPM, das PMI oder die PRINCE2-Community abgrenzen. Das Muster „agil“ versus „traditionell“ wird allzu oft bemüht. In fast allen Diskussionen wird immer wieder der Vergleich „Industriezeitalter ist alt und schlecht“ versus „Informationszeitalter ist jung und gut“ bemüht, das gleiche wird auf „Wasserfall“ versus „Scrum“ usw. übertragen. Einer der Vorträge spricht sich gegen alle Regeln und „Muster“ aus und propagiert ein paar Folien weiter, dass man ja keine Projekte machen solle (#noprojects). Wie geht sich das aus, wie der Österreicher so schön zu sagen pflegt? In einem Workshop zur „Lebendigkeit von Organisationen“ wird versucht, die Wirkmechanismen einer solchen Organisation aufzuzeigen. Auf meine Frage, ob wir das mal am Beispiel der – leider sehr erfolgreichen – Organisation des Islamischen Staates aufzeigen können wird dies brüsk abgelehnt mit dem (Totschlags-)Argument, das passe jetzt gar nicht hier rein. Schließlich versuchte ein Teilnehmer, das Cynefin-Framework zu diskutieren. Diese endete dann mit der Einteilung, dass alle Ingenieure und Betriebswirtschaftler auf der rechten Seite zu verorten seien (simple oder komplizierte Systeme), wohingegen die Software-Entwickler die kreativen Wilden, also auf der linken Seite des Frameworks zu finden sind. Das bringt natürlich keinen wirklich weiter. Statt Muster zu brechen, werden alte Klisch  ees in ein neues Gewand gepackt. Schließlich stellt sich mir die Frage, was die PM Camps mit ihrem Anspruch in der Praxis erreichen wollen. Auf meinen Workshop-Impuls zu „Projektmanagement für soziale Zwecke“ gab es zwar viel Diskussion und begeisterte Redebeiträge, auf meine Frage, wer nun was konkret machen will, waren alle ziemlich schnell (zum Mittagessen) verschwunden. Zugegeben, es ist auch bei der GPM ziemlich schwer, die Mitglieder zur Umsetzung des Besprochenen zu bewegen. Hier erweist sich allerdings, ob es bei „Sonntagsreden“ bleibt, oder den „schönen Worten“ auch konkrete Taten folgen. Das würde ich mir wünschen, aber vielleicht bleibt das auch nur ein frommer Wunsch zu Weihnachten :)

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Kommentare

  1. Danke für diese ausführliche Würdigung des PM-Camps. Ich war zwar Mitbegründer der PM Camp Bewegung, war aber seit zwei Jahren terminlich bedingt nicht mehr in Dornbirn, jedoch auf dem PM Camp Berlin. Ich habe das PM Camp nie als eine Bewegung gegen die „etablierten“ PM Organisationen verstanden, sondern als eine Bewegung für eine offenere Form der Wissensverteilung und des Dialogs. Es ist der Wunsch eine Plattform zu schaffen, die jenseits eines festgelegten Methoden-, Prozess- oder Kompetenzframeworks die Disussion darüber ermöglicht, was funktioniert, wo es hakt und wo wir Neues denken und ausprobieren wollen. Das dieses auch diesmal gelungen ist, dass lese ich aus Deinem Post heraus.
    Gerade das „Neues Denken“ setzt eine große Experimentierfreude und auch den Mut zum Scheitern, zum Irrweg voraus. Als solchen sehe ich die verschiedenen Annährungen der PM Camp Praktiker an das Thema Komplexität. Das das bislang immer noch von einem nur sehr geringen Teil verstanden wird, ist keine Überraschung. Sei es auf großen PM-Konferenzen, sei es im letzten Buch von Nils Pfläging oder auf Veranstaltungen der Agilen Gemeinde, der große Teil der Beiträge zu diesem Thema mäandert irgendwo zwischen definitorischer Schlamperei, Halbverstandenem und grobem Unsinn hin- und her. Gerade wenn jemand versucht, das Cyefin Model von David Snowden als Abgrenzungsschema und nicht als Instrument der Situationsanalyse auffasst, dann ist das ein Missverständnis. Aber dazu gibt es ja das Gesetz der zwei Füße, von dem ich auf Barcamps fleissig Gebrauch mache: Wenn ich meine, dass mir eine Session nicht bringt oder ich merke, dass ich nichts beizutragen habe, dann stehe ich auf und suche mir eine andere Session. Ganz. Im Sinne von Lead, follow or go out of the way. In diesem Sinne, wenn Dir das PM Camp nicht das bringt, was Du davon erwartest, dann ändere es. Mach Sessions, die als Model für das dienen, was Du Dir erwartest und wenn das nicht hilft, dann mach etwas Neues.

    1. experimentieren, ausprobieren, genau das ist es, was wir brauchen, das PM Camp ist eine gute Form das zu tun. Du warst auch das eine oder andere Mal auf der InterPM von GPM und GI, da war zum Schluß auch die Frage, wie geht es weiter? Was fangen wir mit den vielen neuen Ideen an? Dann war es irgendwann auch nicht mehr interessant… und ja, Abstimmung mit den Füßen ist grundlegendes Prinzip, das kann dann auch mal bedeuten, dass keiner mehr hinkommt… Was derzeit ja überhaupt nicht absehbar ist. Mein Blogpost sollte – über die positive Würdigung der Bewegung – auch einen Anstoß dazu liefern, sich zu überlegen, wie es auch noch in 10 Jahren attraktiv ist, auf ein PM Camp zu gehen… Nicht mehr und nicht weniger. Grüße aus Südafrika, wo wir ein PM Camp auf internationaler Ebene machen, mit Leuten aus 15 Ländern zum Thema „PM in Emerging Economies“ mit viel Interaktion, in anderen Ländern kennt man eigentlich nur Konferenzen mit Vorträgen, die dynamische Konferenzvariante schlägt hier ein wie eine „Bombe“ :-)

    2. avatar Barbara Bucksch

      Hallo Reinhard,

      zu vielen Punkten deines Berichts wurde bereits geschrieben und ergänzt.
      Ich möchte einen weiteren Punkt anführen: deine Session „PM für soziale Zwecke“ und gerade deine Aufforderung nach konkreten Handlungen hat mich am zweiten Tag zu einer Nachfolgesession angeregt, die du leider auf Grund deriner Abreise verpasst hast.
      So ganz verschwunden ist das Thema also nicht. Nur leider muss ich zugeben, dass offensichtlich gerade nicht die Zeit für konkrete Unterstützung im ehrenamtlichen Bereich ist, denn an der Session hat niemand teilgenommen. Aber auch das ist ok, so ist das Prinzip eines PM Camps.
      Zumindest bei mir wird das Thema weiter gären und wer weiß, vielleicht erleben wir schon im nächsten Jahr Sessions mit Umsetzungsberichten.Das würde mich sehr freuen.

      Viele Grüße
      Barbara

  2. […] Reinhard Wagner schrieb in seinem insgesamt sehr positiven Beitrag im GPM-Blog: […]

  3. Hallo Reinhard,

    danke für Deinen Kommentar – hat mich sehr gefreut.

    Im einen oder anderen Punkt fühle ich mich bzw. die PM Camps missverstanden. Gleichzeitig kann ich Deine Kritikpunkte nachvollziehen. Kurz zu den einzelnen Punkten:

    – Die „krampfhafte Abgrenzung“ haben wir von Beginn an genau NICHT im Sinn gehabt. Wenn dies bei einzelnen Personen der Fall ist, kann ich dies nicht beeinflussen. Ich möchte nur betonen, dass die Initiatoren des PM Camps ganz bewusst KEINE Feindbilder in den etablierten Verbänden aufbauen wollten.

    – Die Differenzierung „agil“ vs. „traditionell“ halte ich (wie viele andere Unterscheidungen) für notwendig, um relevante den Kern der jeweiligen Konzepte zu verstehen und bewusst zu machen. Ich gebe zu, dass die Gefahr der Lagerbildung besteht. Genau dies ist aber beim PM Camp dezidiert NICHT das Ziel. Ganz in dem Sinne der aufgeklärten Dialektik: „Unterscheide, ohne zu trennen.“

    – Bei der Session zum Open System Model (OSM) ging es um die Frage, wie Organisationen lebendig und lebensfähig bleiben und werden können. Genau genommen geht es um einen der höchsten Reifegrade, die ein soziales System annehmen kann. ISIS ist ziemlich genau das Gegenteil dieses Organisationsmodells und der dahinter liegenden (systemischen) Prinzipien. Deshalb hätte eine Übertragung des Modells auf ISIS keinen Sinn gemacht. Tut mir leid, dass dies von Dir als brüske Ablehnung empfunden wurde.

    Mich hat es in jedem Fall gefreut, dass Du Teil des PM Camps in Dornbirn warst. Ich kann Dir versichern, dass wir die Rückmeldungen und Kritikpunkte gerne aufnehmen und dies in die Weiterentwicklung des Formats einfließen lassen.

    Viele Grüße,

    Stefan

    1. Danke Dir Stefan für die Einladung und das Hosting, ich habe mich wohl gefühlt, deswegen ist der Beitrag ja insgesamt sehr positiv ausgefallen. Da steckt von Dir und dem Orgateam viel Herz und Energie drin, das merkt man und deshalb „weiter so“. Ich möchte ja auch gar nicht „kritisieren“, ich beobachte und gebe Eindrücke wieder, that´s it. Vieles geschieht ja auch im „flow“ einer solchen Veranstaltung, und ISIS ist ja sicher nicht beliebt (und passt auch nicht so recht), es geht mir nur um den „Umgang mit Impulsen“… und da wurde ich heute im Netz gleich wieder als „alt“ abgestempelt und nicht bereit zur Veränderung. Definitiv ein „Muster“.

      1. Wir sind wohl alle zusammen nicht ganz frei von Mustern. Und das ist wahrscheinlich auch gut so.

        Schlussendlich agieren wir alle in einem Feld der Widersprüche:
        – offen und lernbereit bleiben (= offener Geist) und gleichzeitig
        – den Mut haben, Position zu beziehen (= klare Haltung)

        vgl. Roger Dannenhauer (Geistes-Haltung)

        Grüße, Stefan

  4. Hallo Reinhard,

    ich habe mir heute früh die Zeit genommen, das letzte PM Camp und den gesamten bisherigen Weg zu reflektieren.

    http://pm-blog.com/2015/11/28/pm-camp-dornbirn-lernweg/

    In aller kürze:

    – Den Anspruch aus 2011 (Leitbild) sehe ich in weiten Teilen gut realisiert.
    – Gleichzeitig wollen und werden wir das Format des PM Camps weiter entwickeln.
    – Vor allem die kritischen Rückmeldungen empfinde ich besonders anregend, um daraus zu lernen. Das heißt aber nicht, dass ich alle Rückmeldungen zu einem Teil meiner eigenen Realität und Position machen werde. Denn jeder hat uns schafft sich seine eigene Realität über soziale Prozesse wie solch eine Veranstaltung.
    – Jede/r kann und soll das PM Camp zu dem machen, was es für ihn bzw. für sie sein kann und sein soll.
    – Gerade die kritischen Rückmeldungen sind für uns wertvoll, um uns und das Format weiter zu entwickeln. Gerade aus den schriftlichen Feedback-Rückmeldungen wird aber sehr deutlich, dass es nicht nur eine Realität oder „Wahrheit“ gibt. Genau das macht es so spannend!

    Viele Grüße und ein schönes Wochenende,

    Stefan

    1. Hallo Stefan, das ist es, was ich mit meinem Blog anregen wollte, Reflexion. Ihr seid da auf einem guten Weg. Komme gerade aus Südafrika zurück, wo wir mit Leuten aus 15 Ländern (vor allem Entwicklungs-ländern) ein ähnliches Konzept realisiert haben. Für die ist das absolut neu und völlig begeisternd. Wir sind also in Europa gewissermaßen verwöhnt und auf einem „hohen Niveau“. Schönes Wochenende.

  5. […] Blog der GPM gab es neben (zu) viel Lob einiges an Kritik. Dort hat Reinhard Wagner in einem post vom PM-Camp in Dornbirn berichtet und sich im letzten Absatz doch recht negativ geäußert (… […]

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