Neue Version des V-Modells XT beinhaltet Konventionsabbildung zur PM-Norm DIN 69901-2

Vor kurzem hat der für die Weiterentwickung des V-Modells XT zuständige WEIT e. V. die Version 1.4 des Vorgehensmodells veröffentlicht. Das V-Modell XT ist ein etablierter Standard zur Planung und Durchführung von Systementwicklungsprojekten und wird insbesondere bei Projekten der öffentlichen Verwaltung gefordert. Es definiert die in einem Projekt zu erstellenden Ergebnisse und beschreibt die konkreten Vorgehensweisen, mit denen diese Ergebnisse erarbeitet werden. Im V-Modell werden die Verantwortlichkeiten jedes Projektbeteiligten festgelegt und detailliert beschrieben, „wer“ „wann“ „was“ in einem Projekt zu tun hat. Die standardisierten methodischen Vorgaben des V-Modells ermöglichen es, auch komplexe und umfangreiche Projekte systematisch durchzuführen. Dadurch werden Projekte besser plan- und nachvollziehbar und erzielen zuverlässiger Ergebnisse von hoher Qualität, was sowohl für Auftraggeber wie auch Auftragnehmer von Vorteil ist.

Im V-Modell XT werden die wesentlichen Bereiche des Projektmanagements unterstützt. Im Fokus stehen dabei die zu erstellenden Produkte, d. h. es wird beschrieben, welche Produkte (z. B. Projektplan) zu welchen Entscheidungspunkten (bzw. Meilensteinen) vorliegen müssen und welche Abhängigkeiten zwischen den unterschiedlichen Produkten bestehen. Zu jedem Produkt gibt es eine Aktivität, mit der dieses Produkt bearbeitet wird (z. B. „Projekt planen“). An dieser Stelle wird schon deutlich, dass sich die aktivitätsorientierte Sichtweise der gängigen Projektmanagement-Prozessmodelle und die produktzentrierte Sichtweise des V-Modells nicht grundsätzlich widersprechen. Für den „klassisch“ ausgebildeten Projektmanager kann allerdings die ungewohnte (und teilweise unübersichtliche) Erscheinungsform des V-Modells XT eine Hürde darstellen.

Im Juli 2009 wurde deshalb eine Arbeitsgruppe „Projektmanagement“ unter dem Dach des WEIT e. V. gegründet, um die Verständlichkeit und die Anwendbarkeit des Projektmanagements im V-Modell XT zu verbessern. Arbeitsschwerpunkt der Arbeitsgruppe war die Analyse vorhandener PM-Standards, um diese mit dem V-Modell XT zu vergleichen und in Zukunft nutzbar zu machen. Die aktuelle Version 1.4 des V-Modells XT beinhaltet nun eine „Konventionsabbildung“ zum PM-Prozessmodell der DIN 69901-2 (vgl. „Projektmanagement Normen und Standards„).

Die in DIN 69901 definierten fünf Projektmanagementphasen „Initialisierung“, „Definition“, „Planung“, „Steuerung“ und „Abschluss“ aus DIN 69901 lassen sich, wie in Abbildung 1 dargestellt, auf das V-Modell XT abbilden.

Abbildung 1: Konventionsabbildung des V-Modells XT zur DIN 69901-2

Abbildung 1: Konventionsabbildung des V-Modells XT zur DIN 69901-2

Die Initialisierung findet im V-Modell XT außerhalb des eigentlichen Projekts statt. Das Projekt startet mit dem Abschluss der Phase „Initialisierung“ beim Durchlaufen des Entscheidungspunkts „Projekt genehmigt“. Die Phase „Definition“ erstreckt sich im V-Modell XT über den Zeitraum nach der Initialisierung bis hin zum Entscheidungspunkt „Projekt beauftragt“, an dem ein Vertrag vorliegt. Derselbe Zeitraum, bis hin zum Entscheidungspunkt „Iteration geplant“, wird für die Prozesse der Phase „Planung“ genutzt. Während der Auftraggeber den Projektfortschritt überprüft und der Auftragnehmer die Entwicklungstätigkeiten vollzieht, entspricht dies der Projektmanagementphase „Steuerung“, die mit dem Entscheidungspunkt „Abnahme erfolgt“ beendet wird. Die Phase „Abschluss“ ist durch die Produkte und Aktivitäten des Entscheidungspunkts „Projekt abgeschlossen“ des V-Modells XT abgedeckt.

Die Regelung der Rollenverteilung geht im V-Modell XT nicht über die initiale Rollenverteilung und deren anschließender Fortschreibung im Rahmen des Projekthandbuchs hinaus. So gibt es weder Outputs für zusätzliche Commitments des Projekt- (Prozess S.5.2 der DIN) und Projektkernteams (S.5.3), Organigramm (D.5.1) und Funktionendiagramm (P.5.1), noch Statusberichte zur Situation im Informations-, Kommunikations- und Berichtswesen (S.3.1). Auch werden, über die Organisation der Zusammenarbeit hinaus, keine weiteren Bedingungen wie etwa notwendige Soft Skills oder einzuhaltende Umgangsregeln (S.5.2) gestellt. Im Bezug auf die Analyse des Umfelds und der Stakeholder (D.8.2) ist im V-Modell keine explizite Bewertung, deren Einflüsse oder Ableitung von Maßnahmen formuliert, die über das allgemein gehaltene Risikomanagement hinaus geht. Für (Unter-)Auftragnehmer ist im V-Modell die Definition von Vorgaben vorgesehen, nicht jedoch, wie die (Unter-)Auftragnehmer zu managen sind. So gibt es im V-Modell keine Entsprechungen für die Regelung des Lieferantenmanagements (P.7.1) und Informationen für das Lieferanten-/Supply-Chain-Management (S.7.1).

Die Planungsprozesse der DIN 69901-2 sind feingliedrig aufgeteilt. Für die betroffenen Bereiche der Planung, d. h. Projektstrukturplan, Arbeitspakete, Vorgangsbildung, Terminplanung und Ressourcenplanung sieht das V-Modell XT jedoch eine integrierte Planung vor (Thema „Integrierte Planung“ des Projektplans) und macht keine Vorgaben zur Reihenfolge der Bearbeitung entsprechender Planungsaufgaben. So gibt es im V-Modell XT auch keinen definierten Zeitpunkt, zu dem Information, Kommunikation und Berichtswesen geplant werden soll (P.3.1). Der Beginn der Vorgänge (S.1.1) wird zudem nicht explizit angestoßen, sondern ergibt sich implizit durch die vorgesehene Planung.

Bedingt durch das öffentliche Umfeld des V-Modells ist dessen Vertragswesen durch das Ausschreibungsverfahren geprägt, das den Weg von der Ausschreibung über Angebote und Bewertungen bis hin zum Vertrag durch die dabei zu erstellenden Dokumente beschreibt. Die Prozesse zur Erstellung eines Vertrages selbst, zum weiteren Umgang und zur expliziten Beendigung werden im V-Modell jedoch nicht behandelt. So gibt es zwischen dem Angebot und dem fertigen Vertrag keine Zwischenprodukte wie den Vertragsentwurf (D.10.2) oder die Festlegung eines groben Umfangs der Beschaffung (P.10.1). Zur Nachbesserung von Verträgen sind zwar Vertragszusätze vorgesehen, aber kein diesbezügliches Verfahren regelt dies (D.10.1). Die Abwicklung der Verträge (S.10.1) bleibt vollständig unberücksichtigt, was auch deren Beendigung (A.10.1) mit einschließt. Die Steuerung von Nachforderungen (S.10.2) wird im V-Modell nur innerhalb des Projektes durch die Abnahmeerklärung und den darin dokumentierten Mängeln berücksichtigt. Nachforderungen, die erst nach Projektende anfallen, sind nicht im Umfang des V-Modells XT enthalten.

Beim Projektabschluss liegt nur der Projektgegenstand im Fokus des V-Modells, die Auflösung des Projekts (A.5.3) wird nicht beschrieben. Die DIN 69901-2 sieht dagegen explizit eine Entlastung des Projektleiters vor. Die Rückführung von Ressourcen (A.7.1) oder die Sicherung von Projekterfahrungen (A.6.1), die über die Dokumentation hinausgehen, werden im V-Modell ebenfalls nicht berücksichtigt. Auch die Bewertung des Projekterfolgs beschränkt sich auf eine inhaltliche Bewertung der Abweichungen von den Zielen. Der betriebswirtschaftliche Erfolg (A.4.1) ist in der Nachkalkulation nicht berücksichtigt.

Die Konventionsabbildung zeigt Übereinstimmungen und Abweichungen zwischen dem V-Modell XT und der DIN 69901-2 auf. Für den Anwender lassen sich bei Anwendung beider Standards sinnvolle Synergien erzeugen. So unterstützt das V-Modell mit seinen Produkten Entscheidungen in der kooperativen Systementwicklung, die prozessorientierte Sicht der DIN 69901-2 hilft dem Projektmanager, die notwendigen Aktivitäten über den Projektlebenszyklus zu planen und auszuführen.

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Kommentare

  1. […] einen Beitrag von Reinhard Wagner auf dem GPM Blog bin ich darauf aufmerksam geworden, dass die Version 1.4 des V-Modells kürzlich erschienen ist. […]

  2. […] Das V-Modell XT V. 1.4 ist erschienen. Es berichten das Projektmagazin, Andreas Heilwagen, Stefan Hagen und der GPM-Blog. […]

  3. […] Hagen greift einen Artikel im GPM-Blog zum V-Modell XT 1.4 auf und verlinkt auch gleich auf weiterführende Dokumentation des V-Modells […]

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