Netzplantechnik – Der Dinosaurier des Projektmanagements

Ich habe einen Kollegen – er ist ein Fossil, arbeitet nur ungern mit den Erzeugnissen unserer digitalen Welt, nutzt zum Rechnen keinen Taschen- sondern einen alten Tischrechner mit rasselnder Papierrolle. Beobachte ich ihn, kann ich mich eines Lächelns nicht erwehren und bin für ihn froh, dass er bald im Ruhestand sein wird.

Ich lehre eine Projektmanagement-Methodedie Netzplantechnik. Diese Methode berechnet Zeitpläne aus Arbeitspaketen unter der Voraussetzung, dass zu jedem Arbeitspaket zu jeder Zeit die benötigten Ressourcen zu 100 Prozent zur Verfügung stehen. Lehre ich diese Methode, so lächle ich angesichts der glückseligen Zeiten, als wirklich die meisten Projekte so aufgestellt waren, dass ein Projektmanager alle Ressourcen, die er benötigte, zur alleinigen Verfügung hatte.

Heutzutage arbeiten die meisten Projekte nicht mehr unter solch märchenhaften Umständen. In der Gegenwart kämpfen Projekte um Ressourcen, die in anderen Projekten oder in der Linie auch anderweitig gebunden sind. Die Methode der Netzplantechnik nutzen dann meinen Studenten und mir nur noch wenig. Kaum ist der Terminplan mit dieser Methode berechnet, muss er schon manuell wieder angepasst werden. Denn nur die tatsächliche Ressourcenverfügbarkeit bestimmt Dauer und den Zeitpunkt der Abarbeitung der einzelnen Arbeitspakete.

Ich wäre dann froh, wenn diese Methode in den wohlverdienten Ruhestand gehen könnte. Sie ist in den meisten Projekten aus oben genannten Gründen nicht sinnvoll nutzbar – und ein Dozent, der sie lehrt, macht sich daher mit ihr nur lächerlich. Warum wird sie also nicht von uns in die Rente geschickt?

Weil es nichts Besseres gibt? Besser die Netzplantechnik in der Hand als das manuell Gebastelte in Zeitplänen auf dem Dach? Das sind keine validen Argumente. Denn es gibt Weiterentwicklungen dieser Methode, die genutzt werden können und in vielen Projekten auch erfolgreich genutzt werden. Die Methode des Critical-Chain-Projektmanagement beschreibt z.B. eine Methodik, wie die Netzplantechnik weiterentwickelt werden kann und weiterentwickelt wurde. Eine Vielzahl von Softwareprodukten unterstützt inzwischen diese „erweiterte Netzplantechnik“.

Um das Bild des Fossils zu strapazieren: Die Dinosaurier sind ausgestorben. Sie leben in den heutigen Vögeln weiter. Lassen wir auch das Fossil „Netzplantechnik“ sterben. Damit es wie ein Phönix aus der Asche in einer Methodik weiterlebt, die die modernen Matrix-Strukturen einer Projektorganisation unterstützt.

 

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Kommentare

  1. avatar Hans Knöpfel, spm

    Es ist etwas erstaunlich, dass jemand Vorgangsdauern für Netzpläne bestimmt ohne die dazu nötigen Ressourcen zu beachten.

  2. avatar Klaus Wagenhals

    ich stimme dem Artikel 100% zu – meine aber, es sollten noch andere Ansätze zum Planen eingebracht werden, wie z.B. der agile oder iterative Ansatz, den man in vielen Projekten schon viele Jahre erfolgreich anwendet. Wenn man über Planung spricht und die Abhängigkeiten usw. mitbedenken will, dann kommt man m.E. nicht umhin auch über systemisches Denken zu sprechen und die darin steckenden Möglichkeiten, vernetzt zu denken und relativ „einfach“ zu planen. Dieses Thema – so meine Überzeugung – wird uns in den nächsten Jahren im PM noch stark beschäftigen, weil die Komplexität und die Dynamik und die Störfaktoren zunehmen.

  3. Ich bin nicht der große Spezialist für Critical Chain, beschäftige mich aber seit 46 Jahren mit Netzplantechnik. Im Artikel verstehe ich einiges nicht, andere Ausführungen muss ich richtig stellen. Zunächst: Ich war immer der Meinung, dass man einen Netzplan braucht, um einen realistischen Puffer (Gesamter Puffer, Freier Puffer etc.) zu berechnen. Natürlich kann man einen Puffer auch einfach setzen, das wäre aus meiner Sicht aber ein Rückschritt. Woher nimmt Crticical Chain seine Puffergrößen?
    Dass früher die Ressourcen so frei verfügbar waren, ist ein Märchen. Ich kenne jedenfalls aus meiner Planungspraxis keinen solchen Fall.
    Nach meiner Kenntnis sind die Schätzungen der Vorgangsdauer Schätzungen der verstreichenden Zeit nicht der reinen Bearbeitungszeit. Dabei berücksichtigt der Verantwortliche in aller Regel, dass er im relevanten Zeitraum auch noch andere Tätigkeiten, u,a, auch nicht projektbezogene .auszuführen hat. Damit werden auf Bearbeiterebene bereits Kapazitätsüberlegungen mit einbezogen. Das hat mit dem Setzen von Reserven nichts zu tun. Es gibt z.B. Entwicklungsbereiche, in denen die Mitarbeiter einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit Kundenbetreuung verbringen. Soll das einfach wegfallen?.
    Dass Kapazitätsplanungen sehr schnell veralten liegt am Detaillierungsgrad der Planung. Ich empfehle hier die Ausführungen von Scheuring, d e m Fachmann auf diesem Gebiet.
    Im Übrigen sind die Gedanken, die der Theorie der Critical Chain zugrundeliegen, bereits in den 60er Jahren geäußert worden. Das ist nur in Vergessenheit geraten.

  4. avatar Wolfram Müller

    na dann versuche ich auch noch was beizutragen :-)

    Ich gehöre zu denen die das klassische Projektmanagement gelernt haben, dann in die agile Welt abgedriftet sind um dann, vor ca. 10 Jahren, in der Critical Chain Welt ein sehr praktisches und gut funktionierendes Bindeglied zwischen allem gefunden zu haben. Ich durfte mittlerweile einige Critical Chain Implementierungen mitgestalten.

    Und ich muss sagen alle Vorkommentatoren haben natürlich etwas recht. Wer Netzpläne gemacht hat ohne die Ressourcen zu berücksichtigen war schon immer etwas komisch drauf. Die Ursprünge der Netzplantechnik waren aber wohl wirklich so definiert – in Europa hat sich das aber nicht so durchgesetzt – da war man schon immer pragmatisch und hat geschaut ob die Kapazitäten überhaupt da sind.

    Und ja man braucht für Critical Chain auch einen Netzplan und Schätzungen – woher kennt man sonst die krtische Kette und weiß wo und wie viel Puffer benötigte werden.

    Und ja die Agilen Methoden bereichern das Projektmanagement und sind mittlerweile in Critical Chain auch schon weitgehend eingeflossen. Critical Chain ergänzt sich mit Agile sehr sehr gut :-)

    Was bleibt dann noch und warum kommentiere ich überhaupt? Für mich ist Critical Chain wesentlich mehr als nur eine Planungsmethode. Critical Chain setzt ja auf gutes Projektmanagement auf und schätzt das sehr hoch ein. Es ergänzt aber an zwei wichtigen Stellen:

    (1) auf der Ebene des Portfolio-Managements wird ein „Virtueller Engpass“ eingeführt.

    Alle Systeme haben eine Engpass (sonst würden sie zu schnell wachsen). In Projektorganisationen ist dies meist die Fähigkeit, wie viele Projekte gleichzeitig in der Integrationsphase sein können. Wenn man das akzeptiert und auch akzeptiert, dass kein Engpass jemals überlastet werden soll (in Realität lastet man den Engpass sogar zu max. 70-90% aus). Dann stellt man die Kapazität dieses virtuellen Engpasses genau so ein, dass der Projektdurchsatz (im Multiprojektmanagement) optimal wird und damit hat man die Situation, dass keine Ressourcen auf Dauer überlastet ist.

    Das ist natürlich ein Hammer-Satz – aber er ist einfach systemich korrekt und jeder Produktionsleiter kann ihnen diesen sofort bestätigen und erklären.

    Und wenn eben den Projektdurchsatz so optimiert hat, dann ist auch das restliche Ressourcenmanagement sehr sehr viel einfacher – denn es gibt ja überall so genannt Schutzkapazitäten die die meisten Probleme ausbügeln.

    (2) was dann noch fehlt ist ein Signal für alle Mitarbeiter im Unternehmen welches Arbeitspaket gerade das dringlichste ist. So dass sich alle praktisch selbst organisieren können (auch an Hinweis an die Agile Welt)

    Dieses Signal wird aus dem Puffermanagement von Critical Chain aus dem Einzelprojekt erzeugt. Hierzu wird der Projektplan (Netzplan) mathematisch in der Zeit verkürzt und das was aus der Verkürzung entsteht teilweise als Projektpuffer (oder Zuliferpuffer oder Vertragsmeilensteinpuffer) an das Ende der kritischen Kette gestellt. Aus dem zeitlichen Fortschritt und dem resultierenden Pufferverbrauch wird dann die „Kritikalität“ des Projekte berechnet (gerne in Ampelfarben/Fieberkurve).

    Der Trick ist aber der – diese Ampel wird jedem im Unternehmen (z.T. auch den Kunden) zur Verfügung gestellt. Und alle richtigen ihre Aufmerksamkeit und Ressourcen auf das Arbeitspaket des rotesten Projektes.

    Wenn man (1) und (2) zusammen nimmt kommt zu eine weitgehend selbstorganisierenden System, das sich über die Zeit selbst optimiert und Stück-für-Stück unnötige Reserven frei gibt.

    Daher finde ich den letzten Satz so schön. Ja die Dinosaurier sind ausgestorben. Aber ihr DNA lebt weiter und zwar in den Vögeln. Und Vögel stehen typischerweise für elegante, schnelle und flinke Lebewesen. Wenn man Critical Chain mit solchen Eigenschaften verbindet dann kann ich nur sagen – toller Blog-Artikel.

    Schöne Grüße aus Ettlingen
    Wolfram Müller

    p.s.: Critical Chain ist ein kompletter Ansatz zur Transformation eines Unternehmens hin zu einer „recht optimalen“ Flußorganisation. Critical Chain im engeren sind 19 Veränderungsschritte und der Blog-Artikel hat nur einen davon angesprochen. Critical Chain ist auch der Pradigmenwechsel von lokaler Optimierung zu holistisicher Denkweise … also sehr sehr spannend :-)

  5. Lieber Herr Müller!

    Dass man nur in Europa realistischerweise schon immer Kapazitätsrestriktionen berücksichtigt hat, ist sicher falsch. Die Amerikaner waren ja auch nicht weltfremd. Vielleicht denken Sie an den unseligen Algorithmus von Ford-Fulkerson zur kostenminimalen Projektdauerverkürzung, den nur esoterische OR-Spezialisten ernst genommen haben. Die Entwickler unterstellten unbegrenzte Ressourcen. Im PBoK (vorletzte Auflage) war auch noch derartiger Unsinn zu finden.
    Den Rest der Ausführungen verstehe ich nicht. Wie wäre es mit einem Beispiel?

  6. avatar Guido Bacharach

    Noch ein paar erklärende Worte zu meinem Blog-Artikel:
    • Tatsächlich möchte ich mit diesem Artikel nicht per se die Totenglocken für die Nutzung der grafentheoretischen Methode der Netzplantechnik zur (automatischen) Berechnung von Terminplänen läuten. Auch in den von mir erwähnten „moderneren“ Verfahren werden meines Wissens implizit diese mathematische Methode genutzt. Daher auch mein Bild des Dinosauriers, der sich in einen Phönix verwandeln sollte.
    • Aber es ist meine Überzeugung, dass eine Anwendung dieser Methode auf einzelne Projekte in einer Matrixorganisations-orientierten Umgebung nicht effektiv ist. Diese Methode sollte im Zusammenhang mit einer organisationsumspannenden, zentralen Ressourcenplanung eingesetzt werden.
    • Zentraler Punkt ist hier, wie Herr Schelle richtig anmerkt, die Berechnung der Dauer von Aktivitäten aus den Aufwänden derselben. Dieser Aspekt wird mir auf der einen Seite in den 4-L-Q-Lehrgängen zu wenig gewürdigt, auf der anderen Seite ist dieser Teil meiner Meinung nach eben auch nur mit einem zentralen Multiprojekt- bzw. Ressourcenmanagement sinnvoll abbildbar.
    • Zum Thema Puffer: Ja, es ist wichtig, die verschiedenen Pufferarten zu ermitteln bzw. zu kennen. Aber ist nicht mindestens genauso wichtig, auf dem kritischen Pfad bzw. der kritischen Kette („Critical Chain“) eine Sicherheit (fälschlich oft auch „Puffer“ genannt) für den Fall von Schätzfehlern, ungeplanten Ressourcenengpässen oder anderen schlecht planbaren Unsicherheiten („Murphy“) zu setzen? Dies fehlt bei der klassischen Netzplantechnik, wie ich sie gelernt habe.
    • Zu Wolfram Müllers Einwand, dass ich in diesem Artikel die Methodik des „Critical Chain Project Management“ zu einseitig beschreiben: Ja, das ist korrekt, war aber für diesen Artikel so beabsichtigt.

  7. avatar Michael Cramer

    Nicht, dass ich eine Lanze für die Netzplantechnik brechen möchte, aber das Fazit „Lassen wir auch das Fossil „Netzplantechnik“ sterben. Damit es wie ein Phönix aus der Asche in einer Methodik weiterlebt, die die modernen Matrix-Strukturen einer Projektorganisation unterstützt.“ finde ich dennoch traurig, denn die „modernen Matrix-Strukturen“ sind aus meiner Sicht die krankhafte Ausprägung eines veralteten Effizienzwahns aus den 90ern, und richten nachweislich erheblichen Schaden in Unternehmen und ihren Projekten an. Netzplantechnik sterben lassen? Meinetwegen – aber nicht aus den falschen Gründen.

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