"Lessons Learned": Bei Projekt in der Bundesrepublik bisher noch weitgehend Fehlanzeige - Aufruf zu einer Initiative

Mock-up des 99-01 Northrop Grumman/Cassidian RQ-4B EuroHawk der deutschen Luftwaffe auf der ILA Berlin Air Show 2012 (Foto: Julian Herzog)

Mock-up des 99-01 Northrop Grumman/Cassidian RQ-4B EuroHawk der deutschen Luftwaffe auf der ILA Berlin Air Show 2012 (Foto: Julian Herzog)

Am 22. Januar 2013 brachte Spiegel Online in einem sehr ausführlichen Artikel (“Teure Prestigebauten: Deutschlands nächste Milliardengräber“; Zugriff 27.01. 2013) einen Bericht über eine Kostenschätzmethode von Bent Flyvbjerg, Professor an der Universität Oxford (Vgl. dazu auch die Besprechung des Buches “Megaprojects and Risks. An Anatomy in Ambition” von Bent Flyvbjerg, Nils Bruzelius, and Werner Rothengatter in der Nummer 5/2012 von projektMANAGEMENT aktuell). Die Methode, u. a. auf Projekte wie die Y-Trasse Bremen-Hamburg-Hannover, die dritte Startbahn in München und die Entwicklung der Aufklärungsdrohne Eurohawk der Bundeswehr angewandt, ergibt, dass die vermutlichen, endgültigen Kosten weit über den bislang angeschlagenen Kosten liegen werden. So nachzulesen bei Spiegel Online.

Worin besteht nun dieses Verfahren? In dem faszinierenden Buch des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman (Schnelles Denken, Langsames Denken, München 2011), das jedem, der mit Projekten zu tun hat, wärmstens empfohlen wird, obwohl es kein Lehrbuch des Projektmanagements ist, wird sie kurz und präzise beschrieben:

  1. “Man identifiziere eine geeignete Referenzklasse.”
    Beispiele dafür sind Flughafenbauten, neue Bahnstrecken; Tunnelbauten etc.
  2. “Man beschaffe sich die statistischen Eckdaten der Referenzklasse.”
    Flyvbjerg meint damit die Ermittlung von Kennzahlen wie Kosten pro Schienen- oder Tunnelmeter oder den Prozentsatz, um den die tatsächlichen Kosten die prognostizierten überschritten.
  3. “Man benutze die spezifischen Informationen über den Einzelfall, um die Basisprognose zu korrigieren, wenn es konkrete Gründe für die Erwartung gibt, dass die optimistische Verzerrung bei diesem Projekt stärker oder weniger stark ausgeprägt ist, als bei anderen Projekten des gleichen Typs.”

Kritisch ist dabei zu sagen, dass Ratschlag 3 seit Jahrzehnten unter dem Namen ” Analogiemethode” bekannt und das Rezept nicht sonderlich konkret ist.
Flyvbjergs Vorstellung ist nun, dass Analysen wie er sie selbst mit seiner Methodik gemacht hat, von der Öffentlichen Hand bei der Planung neuer Projekte unternommen werden.

Das ist freilich leichter gesagt als getan. Denn das Lernen aus Projekten, hier genauer: das systematische Ermitteln von Kennzahlen aus abgeschlossenen Projekten, ist zumindest in der Bundesrepublik noch kaum üblich.

In den Jahren von 1983 (1. PM Forum in Würzburg) bis zum jüngsten PM Forum 2012 in Nürnberg – ich war immer entweder für das Programm verantwortlich oder Mitglied des Programmkomitees – erinnere ich mich nur an einzigen Beitrag: Erwin von Wasielewski hatte bereits 1983 seine Projektvergleichstechnik in der GPM vorgestellt. Das Modell hatte er mit Projektdaten aus der feinmechanischen Entwicklung (Agfa) kalibriert. Später referierte er über Modellverfeinerungen, dreimal in unserer Zeitschrift projektMANAGEMENT aktuell. Sein wohl durchdachtes Konzept, das allerdings einen erheblichen Aufwand erforderte, um es wirklich zu verstehen, fand leider niemals breite Akzeptanz. Inzwischen ist sein Schöpfer verstorben.

In unserer Zeitschrift haben wir bislang nur einen weiteren Beitrag zum Thema gebracht, den Aufsatz von Michael Frahm (Kostenkennwertsammlungen für Bauprojekte) im Heft 2/2007. Der Satz von Roland Gareis “Projekte lernen schlecht.” oder der Begriff “project amnesia” (Schindler, Eppler), also der Gedächtnisverlust bei Projekten, sind nur zu berechtigt.

Ganz anders die Entwicklung in USA, zumindest im militärischen Bereich. Nur zwei Beispiele:

  • Das Department of Defense sammelt seit Jahrzehnten systematisch Kostendaten und stellt sie auch bereit.
  • Für die Projektkostenschätzungen mithilfe der Modelle von PRICE Systems Ltd. stehen – natürlich gegen Gebühr – umfangreiche Vergleichsdaten aus abgeschlossenen Projekten zur Verfügung.

In Großbritannien hat eine Arbeitsgruppe der APM Association for Project Management bereits vor mehr als 25 Jahren einen Leitfaden für die Einrichtung von Kostendatenbanken und ein Minimalschema erarbeitet.

Ich würde mich freuen, wenn das Thema Lessons Learned/Wissensmanagement auch in Deutschland endlich die Aufmerksamkeit erhielte, die es verdient. Der Bedarf ist belegt. Aus diesem Grung haben wir im Call for Papers für das PM Forum 2013 auch den Stream “Lessons Learned – einen Schritt voraus durch effizientes Wissensmanagement” ausgeschrieben. Haben Sie in Ihrem Unternehmen einen Ansatz, den Sie gerne der Projektmanagement-Öffentlichkeit präsentieren und mit ihr diskutieren würden? Dann reichen Sie doch bis 17. März einen Beitrag ein.

Call for Papers Projektmanagement (PM) Forum 2013

Call for Papers für das 30. Internationale Projektmanagement Forum 29.-30. Oktober 2013

Fazit:
Es wird bei uns sehr viel über Wissensmanagement und Lessons Learned geredet, es geschieht aber wenig. Oder wie es im Faust (Vorspiel auf dem Theater) heißt:

Der Worte sind genug gewechselt,
Laßt mich auch endlich Taten sehn!


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