Kampf der Ereigniszeit gegen die Uhrzeit in Projekten

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In Deutschland spielt die Uhrzeit eine wesentliche, wenn nicht sogar die bestimmende Rolle. Andere Kulturen nehmen sie nicht ganz so ernst. Foto: Wagner

In Deutschland spielt die Uhrzeit eine wesentliche, wenn nicht sogar die bestimmende Rolle. Pünktlichkeit ist ein Grundpfeiler deutscher Kultur, einerseits bewundert, andererseits aber auch wegen der „Un-Freiheit“ verhasst. Projekte werden streng an der Uhrzeit ausgerichtet, mit dem Beginn und dem Ende der Arbeitszeit (über die Zeiterfassung), der Dauer der von Arbeitspaketen und dem Zeitpunkt der Regelmeetings des Projektteams (z.B. jeden Montag „Punkt“ 9 Uhr).

Andere Kulturen nehmen die Uhrzeit nicht ganz so ernst. Sie empfinden die Uhr als Un-Freiheit und orientieren sich lieber an bestimmten, immer wiederkehrenden Ereignissen, der Ereigniszeit. Das mag der Ruf des Muezzins im arabischen Kulturraum sein, der die Gläubigen zum Gebet ruft, der erste Ruf des Hahns im ländlichen Europa, die Siesta während des höchsten Sonnenstandes in Lateinamerika, Naturereignisse wie z.B. bestimmte Sonnen- bzw. Mondstände, oder schlicht der Biorhythmus. All diese Ereignisse prägen den Lauf der Dinge, oft mehr als es die Uhrzeit vermag. Sie sind seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden in unser kollektives Gedächtnis eingeprägt. In Europa und Nordamerika haben wir häufig diese Ereignisse verdrängt und konzentrieren uns komplett auf die Uhr. In anderen Ländern lässt man sich hingegen nur sehr ungern auf den Rhythmus der Uhr ein. Zeitschätzungen werden im Mittleren Osten präventiv mit einem „In-Challah“ versehen, also dem Eingeständnis, dass es ja eh nicht an einem selbst liegt, wenn die Zeit für einen Vorgang nicht reicht, so sei eben „der Lauf der Dinge“. Für uns Uhrzeit-Gläubigen ist das oft unverständlich und passt so gar nicht zu unseren Vorstellungen von Zeiteinhaltung und Disziplin.

Aber sind wir mal ehrlich – wir nehmen es doch auch nicht immer so genau mit der Uhrzeit. Wir tricksen die Uhr aus, indem wir uns bei der Planung von Arbeitspaketen mehr oder weniger große Puffer einplanen, uns überlegen, wie wir die Arbeitspakete noch genau zwischen zwei Urlaubswochen hineinlegen können, oder nehmen es nicht so genau mit dem tatsächlichen Projektfortschritt, wenn ein Meilensteintermin ansteht. Die Ereigniszeit ist praktisch. Sie beruht auf eigenen Erfahrungen. Menschen tun sich leicht(er), Ereigniszeiten einzuschätzen. Die Uhrzeit ist dagegen eine theoretische Zeit, sie hat einen eigenen, oft von der Realität entrückten Rhythmus. Deshalb wird sie in bestimmten Kulturen auch abgelehnt oder einfach ignoriert. Das führt gerade in internationalen Projekten häufig zu Missverständnissen. Es wird deshalb Zeit für uns, die Ereigniszeit wieder zu entdecken. Eine gute Übung ist der (nächste) Urlaub, wo nicht die Uhr, sondern Ereignisse die Zeit bestimmen. Welcher Wochentag ist heute?

 

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