Hinterher sieht alles ganz einfach aus – wir suchen Leute für vorher: Wie die Bereitschaft zu scheitern zu mehr Erfolg führen kann.

Erfolg oder Misserfolg ist eine „Sinnzuschreibung“, die Stakeholder einem Projektgegenstand in der Projektentstehung oder über den Lebens- und Nutzungszeitraum des Projektergebnisses zuschreiben.

Betrachtet man z.B. Die Oper in Sydney, so erinnert sich heute fast niemand mehr an die etwa 14fachen Baukosten und die etwa acht Jahre längere Bauzeit.

01_Abbildung.1_Oper.Sydney

Abbildung 1: Oper in Sydney

Man könnte fast glauben, dass auch im Projektmanagement die „Zeit so manche Wunde heilt“. Vielleicht werden wir auch in 20 Jahren die Mehrkosten der Hamburger Elbphilharmonie vergessen haben, wenn wir im Konzertsaal sitzen und das Weihnachtsoratorium uns in Verzückung versetzt.

02_Abbildung.2_Elbphilharmonie.Hamburg

Abbildung 2: Elbphilharmonie in Hamburg

Als im letzten Jahr in Wolfsburg das Phaeno acht Jahre alt wurde, schrieb der Leiter des Phaeno auch von einem „vollen Erfolg von Anfang an“ und nur der Kämmerer der Stadt Wolfsburg hatte ein leichtes Unwohlsein, weil auch bei diesem Bauvorhaben die Kosten erheblich über den ursprünglich veranschlagten Kosten für dieses architektonisch sehr anspruchsvolle Bauwerk gelegen haben.

03_Abbildung.3_Phaeno.Wolfsburg

Abbildung 3: Phaeno in Wolfsburg

Sehr oft erleben wir es im Projektmanagement, dass ehrgeizige Eigenschaftserwartungen des Projektgegenstandes, Termin und Kostenannahmen zu Spannungen in der Projektarbeit führen. In einem alten Lexikon von Heinrich Zedler las ich eine Definition für den „Projektenmacher“ von 1741. Besonders interessant fand ich, dass man den „Projektenmachern nicht trauen kann, weil sie tausende haben möchten, wozu sie nur hunderte nötig hätten, und auch mit solchen auskommen könnten“.

04_Abbildung.4_Auszug_aus_Heinrich_Zedlers_dem_Lexikon_zum_Projektenmacher

Abbildung 4: Auszug aus Heinrich Zedlers Lexikon zum Projektemacher

Dieser sich scheinbar nicht abnutzende Irrtum, dass der Projektmanager und sein Projektteam eine Gruppe von Betrügern ist, die den Projektauftraggeber, die Stakeholder und spätere Nutzer des Projektgegenstandes übervorteilen möchten, scheint manchmal noch unausgesprochen vorhanden.

Da werden erreichbare Terminpläne mit dem Hinweis: „Damit bekommen wir den Auftrag nie!“ einfach aus der Führungsetage mit sicherer Distanz zur Projektarbeit zusammengestrichen. Zum Angebot kommt dann ein praktisch ohne Veränderung einer der Ecken des magischen Dreieckes, nicht mehr erreichbares Projektablaufkonzept, was man vorsichtig schon als „Mission Impossible“ bezeichnen kann.
Dieses Angebot erfüllt dann jedoch möglicherweise die „Inhalts-, Termin- und Preisillusion“ des oft auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Projektauftraggebers und die Wahrscheinlichkeit der Beauftragung steigt. Aber sind damit nicht Konflikte oder Krisen, Streit, Mehrkosten und eine verlängerte Projektrealisierungszeit schon vorprogrammiert?

05_Abbildung.5_magisches Dreieck.in.der.Projektarbeit_Raimo.HuebnerAbbildung 5: Magisches Dreieck der Projektarbeit

Jetzt fragen Sie sich vielleicht: „Was kann ICH denn dann machen?“

Darauf gibt es eine oft nicht ganz so einfach umzusetzende Antwort: „Seien Sie bereit, auch einmal die Sinnzuschreibung des „Scheiterns“ in Kauf zu nehmen“. Der Nutzen für Sie dabei ist, dass Sie vielleicht mehr und mehr Ihrer eigenen inneren Wahrheit treu bleiben können und sich und Ihre Persönlichkeit nicht so oft deformieren müssen, um den Erwartungen anderer Menschen zu entsprechen.
Das macht Sie dann mit jedem „Scheitern“ innerlich zufriedener und kann Sie sogar mit Glück erfüllen oder durchströmen.

Thomas Alva Edison hatte allein für die Erfindung der Glühbirne angeblich um die 9.500 kleine Kohlefäden ausprobiert, bis er denjenigen fand, der die Glühbirne dauerhaft zum Leuchten brachte. „Niemals aufgeben! Unsere größte Schwäche ist das Aufgeben und nicht unsere eigene Wahrheit zu leben. Der sicherste Weg zum Erfolg besteht darin, immer wieder einen neuen Versuch zu wagen“, sagte Edison. Dieser Grundsatz ist als Leitmotiv für die Schlüsselqualifikation „Scheitern“ unabdingbar (Wecker, 2009).

06_Abbildung.6_Lernprinzip-Lernzyklus_Raimo.Huebner

Abbildung 6: Lernprinzip-Lernzyklus

Und hier schließt sich der Kreis. Jedes „Scheitern“ ist ein Lernprozess und lässt Sie reifen und wachsen. Als ich im Februar 2014 in Köln am Bahnhof vor dem Dom stand und die Boarder beobachtete, einen gewagten Sprung von der Domtreppe umzusetzen, wurde mir klar, was es bedeutet:

Hinterher sieht alles ganz einfach aus – wir suchen Leute für vorher.

Ich hatte die Möglichkeit, viele Situationen des „Scheiterns“ der Boarder zu sehen. Doch dann auf einmal hat einer es geschafft und ich konnte die Freude, den Flow und das Glück, das ihn durchströmte, fühlen. Und es gelang ihm sogar zum Teil, diese Erfüllung auf die Zuschauer und die anderen, sich auch an diesem Projektgegenstand versuchenden „Projektteams“, zu übertragen.

Aber sehen und fühlen Sie es selbst im folgenden Film:

Movie 1: Hinterher sieht alles ganz einfach aus – wir suchen Leute für vorher.

Nur wenn Sie auch bereit sind, die Sinnzuschreibung des „Scheiterns“ in Kauf zu nehmen, werden Sie sich in Ihrer Kompetenzentfaltung weiterentwickeln können und irgendwann aus all Ihren Lernerfahrungen mit einer größeren inneren Sicherheit und Resilienz (Bogert, 2013) auf die immer dynamischeren Umweltveränderungen in Ihrem Leben erfolgreich reagieren können. Dies wird Ihnen dann zu einer höheren Lebensqualität und Lebenszufriedenheit verhelfen. Somit eröffnet sich die Chance der Wissens– und Know-how– Entwicklung bis zum Experten (North, in der jeweiligen Profession.)

07_Abbildung.7_Wissenstreppe_nach_K.North_ Entwicklung_zum_Experten_und_Höchstleister

Abbildung 7: Wissenstreppe nach K. North | Entwicklung zum Experten und Höchstleister

Na dann viel Vorfreude auf die nächsten Chancen zum „Scheitern“ in Ihrem Leben. Vielleicht machen Sie sich ja irgendwann das Geschenk und sehen diese Lebenssituationen nicht als „Scheitern“, sondern als wertvolle „Angebote des Lebens zum weiteren persönlichen Wachstum“.

Happy Projects.

Raimo Hübner

Literaturquellen:

Ähnliche Beitrage:

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,

Kommentare

  1. avatar Andrea Windolph

    Na das klingt doch mal motivierend! Vielleicht sollten wir wirklich alle häufiger mal ein Scheitern bewusst in Kauf nehmen, um daran zu wachsen. Schöner Artikel!

    Andrea
    http://projekte-leicht-gemacht.de

  2. […] Nettes Zitat gefunden bei: GPM (Raimo […]

Leave a Reply

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Benötigte Felder sind markiert. *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>