Fünf Projekte, die zeigen, was Projektmanagement kann

GPM_Logo_DPEA2016_webVon den Unternehmen Claas, DLR, Otto, Swisscom und Wittenstein kamen die Projekte im Finale des Deutschen Project Excellence Awards 2016. An wenigen Stellen wird so deutlich sichtbar, welche Leistungen mit professionellem Projektmanagement möglich sind und wie sich das in der Praxis realisiert. Gleichzeitig auch, wie sich das Management in und um Projekte weiterentwickelt.

Es gibt diesen Moment, wenn alles wieder klar in Erinnerung kommt: Monate harter Arbeit, unzählige Schritte vorwärts, manche rückwärts, erkämpfte Erfolge, treue Weggefährten und neue Freunde. Für eine Minute hält man inne und staunt angesichts dessen, was da im Rahmen des eigenen Projektes gewachsen ist.

So ein Moment ist die Galaveranstaltung des Deutschen Project Excellence Awards (DPEA) für die Finalisten. Diese Projektleiter und ihre Teams haben nicht nur ihren eigentlichen Auftrag erfolgreich erfüllt, sie haben sich zudem auch noch dem Project Excellence Assessment unterzogen. In seiner Intensität und Tiefe ist diese Evaluation eines Projektes einzigartig, ein Team von bis zu fünf Experten investiert dazu weit über hundert Stunden in die Analyse von 23 Teilkriterien (PDF) . Schließlich hat noch die Jury des DPEA die Gutachten der Assessorenteams anerkannt und die herausragenden Projekte ins Finale eigeladen.

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GPM Präsident Prof. Helmut Klausing (li.), DPEA Programmleiter Benedict Gross (re.) und Moderator Ralf Schmitt (mi.) präsentierten die Finalisten Projekte; Foto: Matthias Merz

Nun sitzen die Finalistenteams also bei der feierlichen Galaveranstaltung zwischen über neunhundert Gästen des PM Forums, dem größten europäischen Fachkongress zum Projektmanagement, und manch einer beginnt erst jetzt richtig zu spüren, dass er mit seiner Leistung tatsächlich in der Königsklasse mitspielt. Dieses Jahr sind es fünf Projektteams, die nacheinander dem Publikum vorgestellt werden und an wenigen Stellen wird so deutlich sichtbar, welche Leistungen mit professionellem Projektmanagement möglich sind. Es fällt leicht, sich das Scheitern dieser Projekte auszumalen, denkt man eben nur den Faktor des cleveren Managements hinweg.

Das Duo Dr. Achim Breckweg und Roman Prokuratov ist ein gutes Beispiel dafür. Die Firma CLAAS hatte sich 2012 entschieden, eine komplette Fabrik für Mähdrescher im Südwesten Russlands zu errichten, um den Wachstumsmarkt des riesigen Landes bedienen zu können. Doch die planerischen Unwägbarkeiten, kulturellen Unterschiede und sprachlichen Barrieren dieses Vorhabens waren offensichtlich. Mit 120 Millionen Euro bedeutete das Projekt die größte Einzelinvestition in der Geschichte des Familienunternehmens. So verließ man sich nicht allein auf das Projektmanagementsystem, das im Stammhaus sehr ausgereift ist, sondern man suchte neue Wege. Alles Hilfreiche sollte in das Russlandprojekt importiert werden und dennoch genügend Raum für lokale Anpassung bleiben. Eines der Geheimnisse des Projekts war es, Projektleiter und Teilprojektleiter in Doppelspitzen zu besetzen, bei denen sich je ein deutscher und ein russischer Kollege die Aufgabe teilten. Im Projektverlauf sind Know-How und Verantwortung kontinuierlich zum russischen Partner übergegangen. Das funktionierte nahtlos und reibungsfrei bis in den Betrieb des Werkes hinein. (Zum Video)

Das Team um Beat Straub und Gabriel Gassmann war aus Bern angereist und hatte ebenfalls ein beeindruckendes Erfolgsprojekt im Gepäck. Die Swisscom betreibt IT-Infrastruktur und Rechenzentren in der Schweiz, denen über hundert Kunden ihre Daten anvertrauen. Dazu zählen auch mehrere Banken. Dementsprechend sensibel und fehlerfrei musste vorgegangen werden, als die Landschaft der Rechenzentren komplett neu organisiert wurde: Von ehemals sieben Standorten wurde nur einer erhalten, ein weiterer neu gebaut. So musste nicht nur ein modernes Rechenzentrum von Grund auf errichtet werden, sondern auch Daten und Systeme aus den anderen Standorten umgezogen werden. Die Migration der vielen Kunden im laufenden Betrieb glich einer Operation am offenen Herzen und selbst kleine Pannen hätten große Folgen gehabt, nicht nur bei den Bankkunden. Gelungen ist das gewaltige Bau- und Migrationsprojekt mit einem unkonventionellen Ansatz: Nicht überbordende Planung, sondern große Freiheiten und selbstorganisierende Teams waren das Erfolgsgeheimnis. Klassische und agile Methoden des Projektmanagements wurden immer wieder individuell kombiniert. Das Vorgehen war nicht davon getrieben, die beste Methode für alle zu finden, sondern vielmehr andersherum: jedes Team sollte die Methoden für sich finden und so einsetzten, wie sie gerade am besten funktionierten. Das erforderte eine moderne Führungsphilosophie, die Rahmen steckte und darin gleichzeitig Freiraum schuf, Koordination ohne zu viel Kontrolle bot. Im Ergebnis steht nicht nur das neue Datacenter als einer der nachhaltigsten Industriebauten Europas, sondern auch viele Neuaufträge von Kunden, die während der professionellen und störungsfreien Datenmigration die Swisscom neu zu schätzen gelernt haben. (Zum Video)

Dass Project Excellence an Ländergrenzen nicht Halt macht, hat GPM Präsident Prof. Helmut Klausing erst deutlich gesagt und dann deutlich gemacht: Preisträger des Deutschen Project Excellence Awards 2016 sind die Projekte zum Neubau eines Werkes in Krasnodar der Firma CLAAS und das IT-Infrastrukturprojekt SCOUT der Swisscom. Beide haben über alle Kriterien des Project Excellence Modells wirklich herausragende Leistungen gezeigt und liegen in ihren Bewertungen so nahe beieinander, dass eine Abstufung nicht möglich ist – und zum Glück auch nicht nötig.

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Die Preisträger: Team Swisscom links und Team Claas rechts von Moderator Ralf Schmitt. Foto: Matthias Merz

Insgesamt war das Feld der Finalisten des DPEA 2016 sehr hochkarätig besetzt und beeindruckend in den Leistungen. Das spiegeln hohe Punktzahlen der Assessments aber auch die Projektinhalte selber. Das Finalistenfeld wurde von Swisscom und Claas angeführt, doch DLR, Otto und Wittenstein haben nicht minder Projekte präsentiert, die Vorbild sein können.

Petra Georgi und Dr. Lars Schnieder vom DLR Projekt; Foto: Matthias Merz

Petra Georgi und Dr. Lars Schnieder vom DLR Projekt; Foto: Matthias Merz

Dr. Lars Schnieder hatte 2011 beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) die Projektleitung für die Entwicklung einer „Anwendungsplattform intelligente Mobilität“ übernommen. Es sollte ein Versuchsfeld aufgebaut werden, um zu untersuchen, wie die Mobilität der Zukunft aussieht, wie sich also autonome Fahrzeuge in den Straßenverkehr eingliedern können. Der Ort dafür und die Probanden waren aber nicht im Labor, sondern auf den Straßen der Stadt Braunschweig. Nicht nur die Beteiligung der Öffentlichkeit an dem Projekt war beachtenswert, auch das konsequente und präzise Anforderungsmanagement, mit dem die Interessen und Ziele der vielen Projektpartner abgebildet werden konnte. Während Forschungs- und Fördermittelprojekte allgemein nicht im Ruf hoher Effizienz und Erfolgswahrscheinlichkeit stehen, haben Dr. Schnieder und das DLR hier ein leuchtendes Positivbeispiel gesetzt. Das Projekt AIM des DLR wurde ausgezeichnet für „die Entwicklung einer einzigartigen Forschungsinfrastruktur in einem komplexen Umfeld und unter den Augen der Öffentlichkeit, als Vorbild für das professionelle Management von Praxisforschung.“ (Zum Video)

Projektteam Otto: v.li. Dr. Holger Ploch, Jens Hibbeler und Carina Schneider; Foto: Matthias Merz

Projektteam Otto: v.li. Dr. Holger Ploch, Jens Hibbeler und Carina Schneider; Foto: Matthias Merz

Wenn der Online Shop Otto.de umgebaut wird, ist das kein kleines Vorhaben. Die Seite ist unter den Top 3 der Onlineshops in Deutschland und verzeichnet täglich wohl mehr Besucher im Internet, als manche Kaufhauskette in all ihren Häusern zusammen. Die Seite sollte „responsive“ werden, sich also von sich aus an das Endgerät des Nutzers anpassen. Etwa die Hälfte des gesamten Entwicklungsteams von Otto machte sich an diese Aufgabe und so arbeiteten bis zu 350 Kollegen am Komplettumbau des Shops. Beim DPEA hat das „wie“ der Zusammenarbeit beeindruckt, denn es wurde konsequent auf agile Vorgehensweisen gesetzt und auf Teams, die selbstorganisiert und selbstverantwortlich vorangingen. Das brachte eine neue Rolle für die Führungskräfte mit sich und damit nicht nur einen Methodenwechsel, sondern einen Wandel der Führungskultur. Wie grundlegend sich dieser Wandel ausgewirkt hatte, zeigte sich bei der Vorbereitung des PM Forum: Es fiel schwer, zur Podiumsdiskussion der Finalisten den einen Projektleiter als Gesprächspartner zu finden und Team Otto kam zu dritt: Carina Schneider, Jens Hibbeler und Dr. Holger Ploch vertraten ihre Kollegen und gaben einen guten Eindruck davon, was es bedeutet „zusammen“ zu arbeiten, Verantwortung zu teilen und auch die Erfolge. Die Jury des DPEA war schon vorher beeindruckt und zeichnet das Projekt aus „für die intelligente Gestaltung hybrider Projektmanagementmethoden, die Selbstverantwortung und Handlungsfreiheit der Mitarbeiter fördern und ein exzellentes Beispiel für die Arbeitsform der Zukunft sind.“ (Zum Video)

Das WITTENSTEIN Team; Foto: Matthias Merz

Das WITTENSTEIN Team; Foto: Matthias Merz

Und auch der alphabetisch dritte in dieser Reihe zeigte Teamplay par excellence. Projektleiter Heiko Frank hatte bei Wittenstein die Aufgabe, ein Projekt zur Erforschung von Industrie 4.0 in der Praxis zu koordinieren. Und Koordination war die große Herausforderung, denn nicht weniger als 21 kunterbunt unterschiedliche Konsortialpartner aus Forschung und Industrie wollten orchestriert werden. Dem Projektleiter waren dabei enge Grenzen gesetzt, da der Mittelgeber das Bundesministerium für Bildung und Forschung war und klassische Steuerungsmechanismen der Privatwirtschaft nicht zur Verfügung standen. Statt auf Kontrolle setzte Heiko Frank also auf Motivation und Begeisterung und schaffte eine Bindung unter den Konsortialpartnern, die zu Ergebnissen trug, die teils jenseits des geplanten und erwarteten lag. Das Projekt „Cyber-Physische Produktionssysteme Produktivitäts- und Flexibilitätssteigerung durch die Vernetzung intelligenter Systeme in der Fabrik“ – kurz CyPros – trägt nicht nur den längsten Namen des DPEA 2016, sondern wird vor allem ausgezeichnet als „ Vorbild, wie ergebnisorientiere Führung und professionelles Projektmanagement es ermöglichen, unterschiedliche Konsortialpartner aus Industrie und Forschung zu orchestrieren und dadurch Zukunftstrends mitzugestalten.“ (Zum Video)

Alle fünf Projekte im Finale des DPEA 2016 haben uns konkrete Beispiele gegeben, wie ein Projektteam sich selbst übertreffen kann. Es sind „Projekte, die mehr sind als die Summe ihrer Teile“, was auch das Motto des DPEA 2016 war. Sie zei  gen uns gleichzeitig wie vielfältig die Profession des Projektmanagers ist und wie schnell sie sich weiterentwickelt.

Die jubelnden Projektteams. Foto: Matthias Merz

Die jubelnden Projektteams. Foto: Matthias Merz

Der Deutsche Project Excellence Award selbst hat sich in den letzten Jahren auch weiterentwickelt und ist heute ein Instrument, um herausragende Leistungen im Projektmanagement zu erkennen, zu beschreiben und dann die Fachwelt davon lernen zu lassen. So ist eine Plattform für Vorreiter und Entdecker gewachsen auf der sich Profis auf höchstem Niveau treffen. Größe oder Budget eines Projektes sind nicht entscheidend für den DPEA, sondern eine Haltung der Excellence, die meist tief in der DNA von Projekt und Team verwoben ist.

Die Assessoren des DPEA begeben sich jedes Jahr wieder auf die Suche nach diesen Projekten, die uns begeistern und staunen lassen. Und während die prämierten Projekte des DPEA 2016 die verdiente Anerkennung genießen und in den nächsten Monaten ihre Erfahrungen teilen, beginnt schon wieder der nächste Zyklus des DPEA 2017 für „Projekte, die den Ton angeben“ (PDF).

Mehr zum Deutschen Project Excellence Award
Die Finalistenbroschüre des DPEA 2016 (PDF)
PE-Schnelltest: Ist Ihr Projekt vielleicht 2017 auf der Bühne?
Flyer: Der DPEA 2017 für Projekte, die den Ton angeben (PDF)

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