"Es gibt keinen Plan B"

Beitrag zur 4. IPMA Research Conference am 15.-16.09.2016 in Reykjavik, Island

2013 entstand bei der GPM Forschungskonferenz in Berlin, zu der erstmals internationale Teilnehmer eingeladen wurden, die IPMA Research Conference, die seither jährlich stattfindet. Ziel ist, nicht nur unter Projektmanagement-Wissenschaftlern neue Theorien zu diskutieren, sondern im Dialog mit Praktikern zukunftsweisende Themenfelder des Projektmanagements gemeinsam zu erforschen.

Vom 15.-16. September 2016 fand die 4. IPMA Research Conference mit dem Titel “Sustainability in Project Management” in Reykjavik, Island statt. Nachhaltigkeit im Projektmanagement war als einer der Zukunftstrends in der Studie von Gemünden/ Schoper identifiziert worden (Quelle: Future Trends in Project Management, pmAktuell 5/2014, S. 06-16). Ziel war, gemeinsam mit Experten in Erfahrung zu bringen, wie viel Nachhaltigkeit im Management von Projekten heute schon gelebt und aktiv eingebracht wird.

Die Konferenz hat jedem Beteiligten die Augen geöffnet für die großen vor uns liegenden Veränderungen in den kommenden Jahrzehnten. Viele Teilnehmer sprachen von einem Meilenstein für die IPMA, da die Diskussionen zeigten, wie groß der vor uns liegende Handlungsbedarf ist und wie viele Möglichkeiten zur Veränderung wir gerade als Projektmanager weltweit haben. Insbesondere wurde deutlich, dass wir bei der IPMA eine überarbeitete Definition zu den Projektmanagement-Kompetenzen und für Erfolg brauchen. Sowohl was unter Projekt-Erfolg verstanden wird und was Projektmanagement-Erfolg ist, muss in Anbetracht einer sich dramatisch verändernden Welt kritisch hinterfragt und überarbeitet werden.

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Eine Gruppe von Masterstudenten in Projektmanagement der Universität von Reykjavik erklärte am Vorabend der Konferenz die Bedeutung der Vereinbarungen des Weltklimagipfels in Paris 2015. Als Mitglied des IPMA Research Management Boards hatte ich die Aufgabe übernommen, den inhaltlichen Auftakt am ersten Konferenztag zu geben, indem ich die zehn Einflussfaktoren aufzeigte, die unser Leben in den kommenden Jahrzehnten wesentlich beeinflussen werden, wie Weltbevölkerungswachstum auf 10 Mrd. Menschen, Klimawandel und dessen Folgen, Wassermangel, Technologischer Wandel, oder der Wertewandel. Damit war jeder Teilnehmer sensibilisiert für die großen vor uns liegenden Veränderungen.

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Prof. Gilbert Silvius gab einen Einblick zum aktuellen Stand der Nachhaltigkeitsaktivitäten in ausgewählten Organisationen und plädierte für einen Perspektivenwandel weg von einer Bedrohung hin zu den darin enthaltenen Chancen. Darüber hinaus wies er auf das Potenzial für die IPMA hin, Nachhaltigkeit noch weiter in den internationalen PM-Standards zu verankern, so wie dies bereits erstmalig in Ansätzen in der neuen ICB4 erfolgt ist. Prof. Peter Morris von der University of London appellierte in einer emotionalen Rede für einen Wandel von Nachhaltigkeit hin zu einem Fokus auf Klimawandel, die im Anschluss zu einer kritischen Diskussion führte. Michael Young, der Mitbegründer von Green Project Management (abgekürzt GPM) aus Australien gab weitere eindringliche Beispiele wie das Korallensterben am Great Barrier Reef als Folge der Erderwärmung, wiederum verursacht durch den Klimawandel. Andererseits zeigte er auf, dass das Bewusstsein für nachhaltige Standards im Projektmanagement immer weiter zunehme und mittlerweile auf breite Akzeptanz stößt.

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Die Diskussionen der Konferenzteilnehmer aus 20 Ländern zeigten die Verantwortung, die wir als Berufsgruppe für das Thema Nachhaltigkeit haben, da wir durchschnittlich 30-40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts mit den von uns gemanagten Projekten steuern und damit einen wesentlichen Beitrag zum Welt-Klimaschutz und zur Nachhaltigkeit beitragen. Die Verantwortung für Nachhaltigkeit kann nicht delegiert werden an den einzelnen CSR-Manager in den Organisationen, sondern ist Aufgabe von jedem Projektmanager, sowohl in Infrastruktur-Megaprojekten wie auch in IT- oder Organisationsentwicklungs-Projekten. Wir müssen anfangen, den Auftraggebern kritische Fragen zu stellen zum Sinn und Nutzen von Projekte und Programme, unsere Ziele hinterfragen und die Art und Weise überdenken, wie wir Projekte leiten, wie wir unsere Mitarbeiter führen und Projekte zum scheinbaren Erfolg bringen. Die Diskussionen zeigten, wie wichtig es ist, als Projektmanager das große Ganze nicht aus dem Blick zu verlieren und unsere Haltungen und Werte kritisch zu hinterfragen. Dazu gehören neue PM-Kompetenzen wie Systemisches Denken, das Verstehen des größeren Kontextes von Projekten in Programmen und Portfolios, und ein profundes Durchdringen der drei Bereiche von Nachhaltigkeit, dem sozialen, wirtschaftlichen und dem Umweltaspekt. Erst wenn in einem Projekt alle drei Dimensionen erfüllt werden, kann von einem nachhaltigen Projekt gesprochen werden.
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Die drei Dimensionen von Nachhaltigkeit (Quelle: Silvius et al., Sustainability in Project Management, 2012)

Damit einher geht die Fähigkeit, auf Basis von ethischen Prinzipien zu entscheiden und zu handeln. Mit diesen neuen Kompetenzen, Persönlichkeitseigenschaften und einem neuen Rollenbild sowohl der IPMA und der nationalen Schwesterverbände als auch der Projektmanager weltweit sehen die Teilnehmer der Konferenz die Disziplin des Projektmanagements besser gerüstet, um in Zukunft die Welt – hoffentlich noch rechtzeitig – für alle Menschen lebenswert und bewohnbar zu machen. Dies ist eine starke Botschaft der Konferenz an die IPMA als weltweit agierender Verband, der die Verantwortung hat, das Berufsbild des Projektmanagers zu definieren und weiter zu formen.

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Hierbei gibt es keine Zeit zu verschwenden, denn wie UN-Generalsekretär Ban Ki-moon sagt: „There is no plan B, because there is no planet B.“

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