„Ein reales Unterrichtsprojekt, dessen Ergebnisse wirklich genutzt werden, ist die höchste Kunst des Lehrens und Lernens“

Am 4. und 5. Juni 2018 fand im Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) in Kooperation mit der GPM die Fachtagung „Handlungs- und Projektorientierung im Zeitalter der Digitalisierung“ statt. Die äußerst positive Teilnehmer-Resonanz hat die GPM Fachgruppe PM macht Schule veranlasst, den thematischen roten Faden der Veranstaltung in Form einer Blog-Serie weiterzuspinnen. In Interviews mit Referenten und Podiumsteilnehmern der Fachtagung sollen aktuelle Antworten auf die Herausforderungen der digitalen Transformation des Bildungsbereichs (Schule, Aus- und Weiterbildung) gefunden werden.

Fachgruppenleiter Jürgen Uhlig-Schoenian hat für den ersten Teil dieser Serie mit Joachim Maiß, Schulleiter MMBBS Hannover, Landesvorsitzender des VLW Niedersachsen und Bundesvorsitzender des Bundesverbandes der Lehrkräfte für Berufsbildung BvLB, gesprochen:

Herr Maiß, Ihre Schule, die Multi-Media-Berufsbildende Schule (MMBBS) Hannover, gehört zu den zehn besten digitalen Berufsschulen in Deutschland – und ist damit ausgewählt, gemeinsam mit der Telekom-Stiftung bis Ende 2019 Konzepte für den Einsatz digitaler Medien in der Berufsbildung zu entwickeln. Aber Sie sind nicht nur Schulleiter, Sie leiten auch den Verband der Lehrerinnen und Lehrer an Wirtschaftsschulen in Niedersachsen und Sie sind einer der zwei Bundesvorsitzenden des Bundesverbandes der Lehrkräfte für Berufsbildung. Bei Ihnen laufen einige Fäden zusammen. Deshalb freuen wir uns besonders, dass Sie uns für dieses Interview zur Verfügung stehen.

Das Internet entwertet zunehmend den Wissensvorsprung der Lehrerinnen und Lehrer. Ersetzt die Google-Recherche den Lehrervortrag? Wenn Ja, wie gehen die Lehrkräfte damit um?

Maiß: Bislang hatten die Lehrkräfte die Wissenshoheit im Klassenzimmer; nun liegt sie bei Google. Ja, das ist so – aber das richtige Wissen zur richtigen Zeit im richtigen Zusammenhang bereitzustellen und zu verwenden, das können die wenigsten Schülerinnen und Schüler. Und genau das wollen wir Ihnen beibringen.

Beherrschen das denn die LehrerInnen? Es wird doch immer gesagt, die Lehrkräfte müssten erst einmal fortgebildet werden, damit sie die neuen Medien wenigstens annähernd so gut beherrschen wie die Jugendlichen.

Maiß: Zurzeit ist das Google-Phänomen in den allerwenigsten Klassenzimmern tatsächlich vorhanden. Es wird mit BYOD, flächendeckendem WLAN und Gigabit für Alle verfügbar werden. In Lehrerfortbildungen werden wir uns mit diesem Phänomen – wie auch mit der Digitalisierung insgesamt – intensiv beschäftigen müssen.

Inzwischen gibt es ein passables Angebot an Online-Kursen und digitalen Lernmodulen für die berufliche Bildung, die Schritt für Schritt mit individuell adaptierbaren Wissenshäppchen den Frontalunterricht ins digitale Zeitalter transferieren. Von wirklich neuen didaktischen Ansätzen also keine Spur. Trügt mein Eindruck? Oder gibt es auch Konzepte, die das Potenzial der neuen Medien nutzen und neue Lernwege eröffnen?

Maiß: Schule ist immer noch der Ort des gemeinsamen Lernens. Es gibt eine Vielzahl von Fort- und Weiterbildungsangeboten im Internet. Insgesamt müssen Lehrerinnen und Lehrer in Zukunft mehrere Rollen einnehmen. Je nach Situation sind sie Coach, Scout, Inputgeber oder auch Ersteller von digitalen und analogen Lernformaten im Rahmen des Blended Learning.

Nur Wissen kann online vermittelt werden. Aber für den Erwerb von Sozialkompetenz ist die direkte zwischenmenschliche Interaktion unabdingbar. Digitale Tools für den Unterricht können zudem Formate unterstützen, die die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler stärker berücksichtigen. In der richtigen Kombination von online- und offline-Elementen stellen diese Unterrichtsformen eine Weiterentwicklung dar. Das Prinzip „Flipped Classroom“ lässt die Schülerinnen und Schüler zu Hause ein Online-Modul bearbeiten, darauf aufbauend findet der Unterricht statt. In diesem Zusammenhang sind auch „Gamification und videobasierte Tutorials“ zu nennen. Beides sind Aspekte eines modernen Unterrichts, die durch Digitalisierung erst möglich werden. Ein Schüler, der das Gelernte in einem selbst erstellten Tutorial anderen darbieten kann, hat den Stoff wirklich verstanden. Diese Formate fallen jedoch nicht vom Himmel; hier ist die Wirtschaft in Verbindung mit Schule gefordert.

Das Interesse der Wirtschaft, mit dem Bildungsbereich „ins Geschäft zu kommen“ ist groß. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) spricht bereits von einer zunehmenden „Kommerzialisierung und Ökonomisierung der Bildung durch die Digitalindustrie wie auch durch private Anbieter digitaler Bildungsmedien“ (Beschluss des 28. Gewerkschaftstages der GEW vom 6. bis 10. Mai 2017 in Freiburg). Welche Erfahrungen haben Sie als Leiter einer großen Berufsschule in Bezug auf den Einfluss der Wirtschaft? Wo sehen Sie die Grenzen der Einflussnahme? Was wünschen Sie sich von der Wirtschaft in Bezug auf künftige Kooperationen?

Maiß: Schule und Wirtschaft sind im digitalen Zeitalter kein Gegensatz. Die Wirtschaft stellt die Technik und entwickelt diese permanent weiter. Die Lehrkräfte machen sie für den Unterricht nutzbar. Das Zusammenspiel von technischem Know-how und pädagogischer Kompetenz unter dem Primat der Pädagogik ist die Gewähr für einen effektiven und sinnvollen Einsatz im Unterricht.

Apple, Google und Microsoft haben die Schule für sich entdeckt und sind dabei, diesen lukrativen Markt zu bearbeiten. Die Werkzeuge, die sie dafür zur Verfügung stellen, wie Google Classroom, Apple Classroom oder OneNote Classroom sind schon faszinierend; aber ohne Lehrkräfte, die damit pädagogisch sinnvoll umgehen können, sind sie nichts wert. Auch in diesem Zusammenhang heißt die aktuelle Aufgabe der Stunde: Fortbildung, Fortbildung und nochmals Fortbildung. Dazu brauchen wir jedoch auch die Herstellerfirmen. Die Sensibilität in Bezug auf die Übermacht der Wirtschaft ist an den Schulen hin und wieder sehr ausgeprägt. Eine Kooperation auf Augenhöhe könnte diese Vorbehalte verringern.

Was wir aber immer noch ganz oben auf unserer Wunschliste haben, ist eine „lehrersichere Technik“. Denn was die Wirtschaft zum Teil liefert, ist einfach nicht schultauglich. Da geht noch deutlich mehr. Speziell von den Schulbuchverlagen wünschen wir uns mehr als nur „PDF-Bücher“. Eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Verlagen und Lehrkräften ist angesagt; auch eine neue Art der Lernortkooperation, bei der das Wissen zwischen den Lernorten zum Fließen kommt – in Zeiten von Social Media ist das kein unüberwindliches Problem mehr.

Über die Digitalisierung wird häufig diskutiert, als würde sie über uns kommen wie ein Gewitter, das hereinbricht. Welche organisatorischen und pädagogischen Maßnahmen sind aus Ihrer Sicht notwendig, um die digitale Transformation der Schule nicht nur zu erleiden, sondern mitzugestalten? Welchen Stellenwert haben in diesem Zusammenhang die Handlungs- und Projektorientierung als zeitgemäße Formen des Lernens an den berufsbildenden Schulen?

Maiß: Die digitale Transformation kommt nicht über Nacht und geht nicht vorüber wie ein Schnupfen. Sie ist schon lange da, unsere Umwelt verändert sich ständig und wird immer digitaler. Berufliche Bildung muss in Zeiten der Digitalisierung die Schule verlassen und erkunden, wie sich die Digitalisierung konkret in den Unternehmen ausgestaltet. Anhand des konkreten digitalen Arbeitsplatzes z. B. eines Disponenten in einer modernen Spedition müssen berufsbezogene Lernsituationen erkannt werden und diese in Zusammenarbeit mit den Betrieben zu schulischen Lernsituationen entwickelt werden. Die Lehrkräfte müssen dabei die Rolle von Scouts einnehmen, die permanent die Entwicklung der Ausbildungsbetriebe beobachten und für ihren Unterricht analysieren. Wir brauchen reale Projekte in den Schulen, das erhöht die Authentizität von Berufsschule und fördert die Kommunikation zwischen den Lernorten. Ein reales Projekt, das wirklich gebraucht wird und nach dem Unterricht auch tatsächlich eingesetzt wird, ist die höchste Kunst des Lehrens und Lernens. Genau hierfür bietet die MMBBS vielfältige Beispiele für die Machbarkeit und den Erfolg dieser These.

Die GEW behauptet, dass 16 der 20 umsatzstärksten deutschen Unternehmen an der Produktion von Unterrichtsmaterialien beteiligt sind. Welchen Eindruck von der Qualität dieser Materialien haben Sie, soweit sie an Ihrer Schule eingesetzt werden? Gibt es ggf. Verbesserungsbedarf und wie müssten zukunftsorientierte Materialien/Medien beschaffen sein?

Maiß: Ich sehe eher kleine Startup-Unternehmen als Motoren der Entwicklung von digitalen Unterrichtsmaterialien. Die Verlage scheinen den Markt noch nicht entdeckt zu haben. Solange der überwiegende Umsatz mit klassischen Schulbüchern erzielt wird, scheint der digitale Markt zu aufwendig und zu wenig lukrativ. Ich erwarte intelligente interaktive Materialien, die das Lernen vereinfachen und effektiver machen. Ich erwarte Lernmanagementsysteme, die im Zusammenspiel mit Pädagogen individuelle Lernwege eröffnen. Moodle, so wie es zurzeit eingesetzt wird, nutzt das Potential von LMS nur begrenzt. Einfache Moodle-Aufgaben sind für Lehrkräfte verlockend, weil sie Unterrichtsvorbereitungen optimieren und für Entlastung sorgen. Allerdings werden auch Moodle-Kurse die Lehrkraft letztlich nicht ersetzen können.

Was ich mir in diesem Segment von Bildung wünsche? Richtig gute digitale Materialien. Da muss bei den Lernenden der Wow-Effekt einsetzen … die Sendung mit der Maus – nur viel digitaler. Wir sind technisch in der Lage, einen Wal im Klassenzimmer aus dem Wasser springen zu lassen oder direkt in den Reaktor eines Kernkraftwerkes hineinzuschauen. Wir können den Spaziergang auf dem Mond simulieren. Ja, tun wir das alles bitte im Unterricht, um den immer wieder geforderten Kompetenzerwerb zu fördern.

 

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