DigitalPakt Schule kommt – was nun?

Am 4. und 5. Juni 2018 fand im Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) in Kooperation mit der GPM die Fachtagung „Handlungs- und Projektorientierung im Zeitalter der Digitalisierung“ statt. Die äußerst positive Teilnehmer-Resonanz hat die GPM Fachgruppe PM macht Schule veranlasst, den thematischen roten Faden der Veranstaltung in Form einer Blog-Serie weiterzuspinnen.

Im dritten und letzten Teil geht es um den DigitalPakt Schule. Jürgen Uhlig-Schoenian, Leiter der Fachgruppe PM macht Schule, hat darüber mit Dr. André Göbel von Capgemini gesprochen.

 

Jürgen Uhlig-Schoenian (GPM): Herr Dr. Göbel, Sie sind Experte für Digitale Transformation und eGovernment-Strategien und leiten derzeit bei Capgemini mit über 120 Mitarbeitenden den Bereich Technologieberatung des Öffentlichen Sektors Deutschland. Ab dem 1. Juli 2019 verantworten Sie den Aufbau und die Geschäftsführung der Digitalagentur des Landes Brandenburg mit perspektivisch 20 Beschäftigten unter dem Dach der landeseigenen Investitionsbank (ILB). Diese Agentur ist in ihrer Konstellation bisher einmalig in Deutschland und wird strategische Digitalisierungsprojekte der Landesregierung Brandenburgs bei der Umsetzung unterstützen. Die Themen der Digitalstrategie reichen von Breitband und Mobilfunk, über Bildung und Qualifizierung bis zu Gesundheit und vielem mehr. Das Thema IT-Sicherheit in Kommunen spielt ebenfalls eine Rolle. Bei all diesen Themen bedarf es der Entwicklung von Konzepten, um dann auch Fördermittel beantragen zu können. Die Digitalagentur ist zwar nur für das Land Brandenburg zuständig. Dennoch könnten die dort entwickelten Konzepte und Impulse in Zukunft beispielgebend für andere Bundesländer sein. In dem Gespräch mit Ihnen möchte ich versuchen herauszufinden, was die Digitalagentur für den Bildungsbereich tun kann. Wenn man die öffentliche Debatte verfolgt, dann hat man den Eindruck, dass es bei der sog. Digitalisierung der Bildung eher um Technik geht, um Smartboards, Laptopklassen, Breitbandanschlüsse, Clouds etc. Sehen Sie das auch so?

Dr. Göbel: Zunächst geht es tatsächlich erst einmal um die Schaffung der notwendigen Infrastruktur an den Schulen. Neben den für alle digitalen Wünsche notwendigen Breitbandanschluss geht es hier zum Beispiel auch um die Nutzung der vom Bund mitfinanzierten Schulcloud-Pilotierung, die in Kooperation mit dem HPI (Hasso Plattner Institut) zurzeit entwickelt und getestet wird. Pädagogische Themen sind bislang nicht im Fokus der Digitalagentur. Hierzu bestehen jedoch Zusammenarbeiten mit dem Bildungsministerium und dem LISUM (Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg).

 

In den Bundesländern werden zurzeit unterschiedliche Ansätze verfolgt. Einige Bundesländer entwickeln landeseigene Clouds, andere arbeiten mit kommerziellen Anbietern zusammen. Hat die vom Bund co-finanzierte Schulcloud in dieser Situation überhaupt eine Chance?

Dr. Göbel: Die Fragmentierung des deutschen Bildungssystems hat Vor- und Nachteile. Es können parallel unterschiedliche Lösungen erprobt und verglichen werden. Gleichzeitig bedeuten Parallelentwicklungen aber auch einen höheren finanziellen Aufwand. Wichtig ist, dass die Systeme offen sind für die Anforderungen der Schulen. Was die für Brandenburg gewählte Schulcloud des Hasso Plattner Instituts betrifft, so arbeiten wir auf der Basis von Open Source Software und gewährleisten, dass sich auch andere Anbieter bei der Schulcloud andocken können. In Deutschland ist die Open Source Orientierung im Vergleich zu anderen europäischen Ländern noch wenig ausgeprägt. Das kann zur Folge haben, dass das inhaltliche Angebot in einigen Bundesländern eingeschränkt ist. Ebenso werden bei kommerziellen Produkten nicht-europäischer Anbieter häufig die Aspekte der Datensouveränität und des Schutzes der hochsensiblen Schülerdaten vernachlässigt. Darüber hinaus ist zu hoffen, dass es zu keiner dauerhaften Konkurrenz der Systeme kommt, sondern zu einer Kooperation auf der Basis eines gemeinsamen Verständnisses darüber, was eine „digitale Schule“ leisten sollte. Wir sollten uns künftig sehr stark darauf konzentrieren, was zum Beispiel an Inhalten erstellt werden soll. Mit welchen strategischen Zielen sollen die Inhaltsanbieter angebunden werden?

 

Dem kann ich nur zustimmen. Ich empfinde die aktuelle öffentliche Diskussion als zu techniklastig. Ich sehe die Gefahr, dass herkömmliche Inhalte und Lernformen mit ein paar digitalen Tools und moderner Technik nur neu verpackt werden: Alter Wein in neuen Schläuchen. Wie kann das vermieden werden?

Dr. Göbel: Indem wir Fehler der Vergangenheit offen reflektieren lernen und die richtigen Schlüsse für die Zukunft ziehen. Nehmen wir die vielfach installierten Smartboards in Klassenräumen, die heute oftmals lediglich als überteure Beamer verwendet werden. Nur wenn die Lehrerinnen und Lehrer auch im Umgang mit dem Smartboard geschult werden und attraktive Unterrichtsmaterialien bereitstehen, kann es zu einem veränderten Lehr- und Lernverhalten kommen. Das gilt für alle neuen Werkzeuge und Verfahren.

 

Wird die Digitalagentur auch innovative Impulse geben, um an den Schulen die notwendigen Änderungen zu stimulieren. Ich denke da z. B. an die Entwicklung von Serious Games oder den Trend zur Gamification. Für die berufsbildenden Schulen könnten auch digitale Assistenten in manchen Berufen eine größere Rolle spielen.

Dr. Göbel: Ich denke, es ist perspektivisch auch ein Auftrag der Digitalagentur, diese Themen im Diskurs zu verstärken. Für mich ist es wichtig, in den anstehenden Diskussionen, die in Brandenburg oder auch zwischen den Bundesländern geführt werden, auf den Zusammenhang zwischen Infrastrukturentwicklung einerseits und Schul- und Unterrichtsentwicklung anderseits hinzuweisen. Die Erfahrungen der MINT-orientierten Pilotschulen werden dabei einfließen. Es geht dann nicht mehr primär um Infrastruktur, sondern um Bildungsziele, um Freistellung, um Ertüchtigung, um Netzwerkmanagement, um Aufbereitung von Erfahrungen und vielem mehr. In diesem Sinne stehen wir dem Bildungsressort als Gesprächspartner zur Verfügung, um den Transformationsprozess unter vielen Blickwinkeln voranzutreiben.

 

Die Gelder aus dem Digitalpakt werden den Schulen nur dann zur Verfügung gestellt, wenn sie anhand eines Medienentwicklungsplans nachweisen können, dass sie die Ressourcen sinnvoll verwenden. Viele Schulen scheinen mit dieser Aufgabe überfordert zu sein, zumal es (noch) keine konkreten Vorgaben oder Kriterien dafür gibt. Könnte die Digitalagentur auch Hilfestellung bei der Formulierung dieser Anträge geben?

Dr. Göbel: Das ist eine wichtige Frage! Förderanträge zu stellen, gehört in der Tat nicht zum Kerngeschäft von Schulen. Das sollte es auch nicht sein. Deshalb wäre es sicherlich notwendig Leit- oder Rahmenanträge zur Verfügung zu stellen, mit denen die Schulen ihr pädagogisches Konzept in die digitale Welt übertragen können. Und das mit möglichst geringem Aufwand. Ich denke an ein max. 5 Seiten umfassendes Papier, in der die Ausgangssituation dargestellt wird, die pädagogischen Ziele und der erwartete Beitrag der Digitalisierung, um diese Ziele zu erreichen. Es geht nicht darum, sich möglichst perfekt darzustellen nach dem Motto „Wir wissen schon alles“, sondern die Schulen zu ermutigen, die offenen Fragestellungen zu benennen und hierfür Unterstützung zu bekommen. So etwas muss natürlich mit dem Schulträger, dem Bildungsressort und den Infrastrukturanbietern abgestimmt werden.

 

Welche Rolle könnte die GPM und speziell die Fachgruppe PM macht Schule dabei spielen?

Dr. Göbel: Letztlich erfüllt das, was an den Schulen jetzt beginnt, die Kriterien eines Projekts. Es ist etwas völlig Neues, das mit begrenzten Ressourcen zu einem bestimmten Zeitpunkt in die Linienorganisation, also in den Regelbetrieb auf der Basis entsprechender Lehrpläne und Verordnungen überführt werden muss. Häufig stellt jedoch schon die Anforderung, sich einen entsprechenden Projektrahmen zu geben, die Schulen vor große Herausforderungen. Das berührt Fragen wie die Einbeziehung der wichtigsten Akteure oder die Koordination unterschiedlicher Interessengruppen. Oder: Wie schafft man es, die beteiligten Kolleginnen und Kollegen für eine Mitarbeit zu motivieren und bei der Stange zu halten. Hier wäre professionelle Unterstützung hilfreich, um die Digitalisierungsprojekte erfolgreich in die Nutzung durch begeisterte Schülerinnen und Schüler zu überführen. Ich denke an entsprechende Fortbildungsmaßnahmen, aber auch an eine Begleitung durch Projekt-Coaches, die anlassbezogen beraten und darüber hinaus den Austausch mit anderen Schulen fördern können.

Herr Dr. Göbel, vielen Dank für das Gespräch und ihre Anregungen zur Rolle der GPM im Zuge der digitalen Transformation der Schulen!

 

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