Dialoge als Wissensarbeit – was wir von den Chinesen lernen können

Hierzulande wird seit einigen Jahren viel von Wissensgesellschaft und Wissensarbeit gesprochen, als wäre das etwas Neues, das wir gerade wieder neu entdecken. Gabriele Vollmar, Präsidentin der Gesellschaft für Wissensmanagement fasst in einer aktuellen Studie zum Wissensmanagement ihre Beobachtungen wie folgt zusammen:

„Der fast inflationäre Anstieg der Anzahl, Dauer und Frequenz von Meetings in den Unternehmen zeigt, dass der Bedarf an Wissensarbeit, die ja auf dem inhaltlichen Austausch basiert, enorm zugenommen hat.“

Meine Erfahrung in vielen Unternehmen zeigt indes, dass Anzahl, Dauer, Frequenz sowie Art und Weise der Meetings in der westlichen Welt leider sehr wenig mit Wissensarbeit zu tun haben, sondern eher mit Zeitverschwendung und Ineffizienz. Formell, nüchtern, an Zahlen, Daten und Fakten orientiert werden Meetings eben nicht zum Wissensaustausch, sondern oft nur zum Abhaken vorbereiteter Checklisten bzw. zum Schlagabtausch zwischen Kontrahenten (z. B. zwischen „Projekt“ und „Linie“) genutzt.

Fußabdrücken erfolgreicher Mitarbeiter auf dem Innenhof eines Unternehmens in China

Foto: Reinhard Wagner

Umso überraschter war ich bei meinem letzten Besuch in China, dass ich dort wirkliche Wissensarbeit in einer Ausprägung vorgefunden habe, die bei uns seinesgleichen sucht. Was mir dort besonders aufgefallen ist? Das Topmanagement diskutiert Entscheidungen ausführlich mit der „Basis“ und sucht nach neuen, alternativen Lösungen. Topmanager verstehen sich dort auch nicht als „Chef“, sondern eher als „Vater“ (oder „Mutter“), der seine (die ihre) Mitarbeiter coacht. Generell stehen in chinesischen Unternehmen offene Dialoge im Vordergrund. Uns mag das nach Zeitverschwendung oder „Palaver“ aussehen, Ziel ist aber, einen möglichst breiten Konsens zu erzielen. Das Erzählen von Anekdoten steht als Mittel des Wissensaustausches hoch im Kurs. Neben reinen Erzählungen werden auch Bücher mit vielen Bildern eingesetzt, wobei neben den „Best Practices“ auch immer die „Challenges“ mit Lösungsvorschlägen genannt werden. Auch die Anerkennung steht bei den Chinesen hoch im Kurs. So mag aus westlicher Sicht zwar das Abbilden von Fußabdrücken erfolgreicher Mitarbeiter auf dem Innenhof des Unternehmens (siehe Foto) etwas pathetisch aussehen, in China ist das aber willkommener Ausdruck von Stolz und Freude, die andere Mitarbeiter zu noch höheren Leistungen motiviert.

Fazit: Wissensarbeit ist also eine Stärkung des Dialogs über alle Ebenen hinweg. Diesen zuzulassen und zu fördern ist oberste Aufgabe des Managements.


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