Das Florence Duomo Project - Best Practices eines europäischen Großprojekts

Fast 20 Jahre Bauzeit, wankelmütige Auftraggeber, politische Intrigen und ein fachfremder Projektleiter – nein, es geht hier nicht um die spektakuläre Pleite eines weiteren kontemporären Großprojekts. Im Gegenteil, es geht um den Erfolg eines der beeindruckendsten und wegweisendsten Bauprojekte der Renaissance.

Im 14. Jahrhundert war die Stadt Florenz eine florierende Finanzmetropole, die Bevölkerung wuchs rapide. Die Stadtväter waren eng verwoben mit der mächtigen Medici Familie und wussten, wie wichtig Baudenkmäler für die Reputation und Attraktivität einer Metropole waren. Genau deswegen planten sie, eine Kathedrale zu errichten, die Pilger aus ganz Europa anziehen würde und den Tourismus anregt. Nicht weniger als 30.000 Besucher sollte die neue Kirche fassen. Nach langer Bauzeit war der Hauptbau der Kirche errichtet, doch in ihrem Herzen klaffte noch ein riesiges Loch, über dem eine majestätische Kuppel den Bau krönen sollte. Jahrzehnte standen die Arbeiten allerdings still, weil sich niemand fand, der so ein gigantisches Projekt hätte realisieren können.

Zeitgleich wurden nun zwei Beiträge publiziert, die sich mit dem Kuppelbau des Doms von Florenz beschäftigen: Die beiden britischen Forscher Kozak-Holland und Procter schreiben im IPMA Journal eine wissenschaftliche Abhandlung über das Projektmanagement und in der Februar-Ausgabe der National Geographic ist ein Artikel über den Baumeister Brunelleschi abgedruckt. Grund genug, einen Blick auf dieses Großprojekt zu werfen.

Dom von Florenz

Der Dom von Florenz, über 150 Jahre Bauzeit (Foto: Bruce Stokes)

Aus heutiger Sicht begann es erst mal recht verwunderlich. Man hatte schon 1296 begonnen, die Kirche zu bauen. Der Auftrag zum Kuppelbau wurde aber erst über hundert Jahre später vergeben, im Jahr 1418, nachdem die Arbeiten über 50 Jahre lang stillgestanden waren. Schuld daran war nicht etwa mangelnde Projektplanung, sondern Vorsatz. Das Gesamtprojekt wurde in mehreren Bauabschnitten geplant und bei Grundsteinlegung hatte noch niemand eine Idee, wie man eine Kuppel mit einem Durchmesser von 45 Metern aufgesetzt auf Mauern bauen könnte, die selber schon 55 Meter in die Höhe ragen. Zwar gab es schon damals ein Referenzprojekt, das Pantheon in Rom, allerdings war das über 1.300 Jahre früher errichtet worden und das Wissen über den Kuppelbau längst verloren gegangen.
In Architekturwettbewerben und Expertenkonferenzen setzte sich schließlich ein Mann durch, der eigentlich gar kein Baumeister war. Filippo Brunelleschi, gelernter Goldschmied, studierte die römische Architektur sehr genau und versuchte herauszufinden, was das Geheimnis der frühen Bauherren war. Er schlug vor, die Kuppel frei- und selbstragend zu errichten und auf eine Unterkonstruktion zu verzichten. Seinen Auftraggebern war das nur recht, denn ausreichend Holz für ein Baugerüst dieser Größe hätte es in der ganzen Toskana nicht gegeben und die Vorschläge anderer Architekten waren zum Teil abstrus. So schlug einer vor, man könnte den Innenraum der Kuppel mit Erde füllen und wenn die Kuppel schließlich fertig wäre, würde man den geldgierigen Florentinern sagen, dass in der Erde Geldstücke vermischt seien, damit sie den Hohlraum wieder freilegen.

Natürlich liefen weder Beauftragung, noch Durchführung der Bauarbeiten ohne italienisches Drama und opernreife Intrigen ab, dennoch scheint Brunelleschi ein beeindruckendes Projektmanagement geleistet zu haben:

  • Das anfängliche Wissensdefizit glich er durch Reverse Engineering der römischen Architekturvorbilder aus und schaffte es dabei auch, Pfusch in der vorhergehenden Bauphase auszugleichen, in dessen Folge die tragende Unterkonstruktion im vorhergehenden Bauabschnitt nicht symmetrisch errichtet worden war.
  • Der Unmöglichkeit, eine traditionelle Unterkonstruktion zu erstellen, begegnete er mit einer radikal neuen Vorgehensweise: Die Kuppel wurde in zwei Wänden errichtet, eine Innen- und eine Außenhaut, die sich gegenseitig stabilisierten und gleichzeitig Gewicht sparen.
  • Durch Parallelisieren der Arbeit mit acht Bauplattformen, von denen aus die Kuppel synchron in die Höhe gebaut wurde, konnte Brunelleschi die Bauzeit deutlich beschleunigen, während er seinen Scope gegen die Wünsche der Stakeholder verteidigte und ein rigides Change Management durchführte.
  • Einige technische Lösungen musste er erst entwickeln, etwa die mobilen Bauplattformen mit Wandankern sowie Dreh- und Hebekräne, die Material auf die enormen Höhen liften konnten.

Besonders bemerkenswert sind einige Ansätze im Zusammenhang mit Brunelleschis Personalführung, die im Inhalt moderner nicht sein könnten. Natürlich hat er wohl als Baumeister die nötige Schrulligkeit an den Tag gelegt, um seinem Status gerecht zu werden. In vielen Details scheint er aber vor mehr als 600 Jahren bereits Führungsansätze angewendet zu haben, die heute für teuer Geld in Scharen von Mittelmanagern eintrainiert werden müssen:

  • Als Baumeister füllteBrunelleschi seine Rolle, indem er natürlich die Abläufe organisierte, aber sich höchstpersönlich für die fachliche Anleitung und das Mentoring der Arbeiter verantwortlich fühlte.
  • Dazu visualisierte er viel, zeichnete in Sand, auf Pergament oder schnitzte Modelle, bis seine Arbeiter genau verstanden hatten was ihre Aufgabe und der Sinn dahinter war.
  • Er delegierte die Aufsicht der acht parallelen Teams jeweils an Teamleiter, er selber kannte und überwachte den kritischen Pfad.
  • Die Löhne wurden leistungsorientiert gezahlt, abhängig von Qualität der Arbeit, Risiko des Arbeitsplatzes und geleisteter Arbeitszeit, was höchst ungewöhnlich war zu der Zeit.
  • Die Qualität der Arbeit war hoch durch den Einsatz qualifizierter Arbeiter, die in Gilden organisiert waren. Auf Billiglöhner und Offshoreentwicklung wurde verzichtet. Die Qualitätskontrolle lief in mehreren Stufen: zuerst der Arbeiter selber, dann der Vorarbeiter und zuletzt begutachtete der Meister selber jeden Stein.
  • Es ist überliefert, dass die Präsenz vor Ort und der direkte Kontakt des Baumeisters mit seinen Arbeitern ein hohes Maß an Vertrauen im Team hervorgebracht hat.
  • Auf Arbeitssicherheit wurde geachtet: Die Schutzgeländer an den Bauplattformen in großer Höhe waren keine Selbstverständlichkeit damals, sichere Hebevorrichtungen und gut ausgebildetes Personal ebenso. Später richtete man sogar eine Mittagsverpflegung auf halber Höhe ein, damit die Arbeiter nicht den langen und gefährlichen Weg nach ganz unten zum Mittagessen auf sich nehmen mussten. Nur drei tödliche Arbeitsunfälle über die gesamte Kuppelbauzeit von 16 Jahren sind eine bemerkenswert niedrige Unfallrate – sogar verglichen mit heutigen Großbaustellen.
  • Schließlich wurden Erfolge auch mit den Arbeitern gefeiert und jede wichtige Projektphase mit einem Festessen oder Freiwein begangen.
Die Kuppel des Dom von Florenz

Die Kuppel, errichtet in nur 16 Jahren (Foto: Joe Price)

So ist Brunelleschi als genialer Dombaumeister in die Geschichte eingegangen, obwohl er eigentlich kein Architekt war. Der gelernte Goldschmied interessierte sich für Mechanik und Optik und übertrug sein Verständnis für Wirkzusammenhänge im Kleinen auf das Große. Es ist überliefert, dass er die Bauarbeiten persönlich überwachte und immer bestrebt war, seinen Mitarbeitern die Anforderungen an sie im Detail zu erklären und auch die Zusammenhänge verständlich zu machen. In Ermangelung von Flip-Charts baute er dazu kleine Modelle aus Wachs, schnitzte kurzerhand kleine Beispiele in eine Karotte oder malte große Skizzen in den Sand.

Obwohl es einige historische Quellen gibt, können wir über diesen Mann wenig mit Gewissheit sagen, denn wie bei vielen berühmten Figuren der Geschichte vermischen sich in seinem Ruhm viele Legenden und einige Wahrheiten. Es scheint aber, als sei Brunelleschi als Führungspersönlichkeit zwar stur und eigenwillig gewesen, für seinen Projekterfolg waren aber durchaus moderne Führungsqualitäten verantwortlich: Coaching seiner Fachkräfte, leistungsorientierte Belohnung, Sorge für Arbeitssicherheit, Delegation, Anerkennung und laufende Visualisierung seiner Ideen.

Schnitt durch die Kuppel

Schnitt durch die Kuppel: Sie besteht aus zwei Wänden, die gleichzeitig errichtet wurden.

Im März 1436 eröffnete der Papst im Rahmen großer Feierlichkeiten den Dom. Allerdings fehlte noch ein Detail, der kleine Spitzbau (die „Laterne“), der die Kuppel krönt. Die Arbeiten an diesem Bauabschnitt begannen zehn Jahre nach der Eröffnung wieder nach einem Modell Brunelleschis und dauerten noch einmal 25 Jahre. Die Fertigstellung der Laterne erlebte er nicht mehr und starb noch im Jahr 1446.

Allerdings wurde im Jahr 1471 im kleinen toskanischen Dorf Vinci westlich von Florenz ein Junge geboren, der in seiner Jugend wohl schwer beeindruckt war von dem Domprojekt. Dieser Leonardo aus Vinci sollte später der berühmteste Künstler und Gelehrte seiner Zeit werden und es ist auch ihm und seiner Begabung zu verdanken, dass einige der bahnbrechenden Hebekonstruktionen Brunelleschis als Skizzen überliefert sind.

Ein Video über die Kuppel des Doms von Florenz finden Sie auf der NG Homepage unter www.nationalgeographic.de/florenz

 

 

 

Kommentare

  1. avatar Sandra Bartsch-Beuerlein

    Hallo Herr Gross,
    schöner Artikel, danke dafür. Ich denke, ich werde künftig in meine Projekte – oder in die Zertifizierungsworkshops ein paar Karotten mitnehmen! :-))

    Herzliche Grüße
    SBB

    1. avatar Benedict Gross

      Hallo Frau Dr. Bartsch-Beuerlein,

      Gute Idee – und so gesund. Vielleicht nehmen Sie auch noch ein Ei mit, denn vom Dombaumeister Brunelleschi ist auch folgende Anekdote überliefert:

      Nach langem Streit mit anderen konkurrierenden Architekten bei einer Konferenz über das richtige Vorgehen beim Kuppelbau wollte Brunelleschi keine weiteren Details über seine Bautechnik herausgeben, die er sich so lange überlegt und hart erarbeitet hatte.

      Stattdessen setzte er seinen Kollegen ein flaches Stück Marmor und ein Ei vor. Wer es schaffte, das Ei aufrecht auf dem Marmor zum stehen zu bringen, sollte die Kuppel nach seinen Vorstellungen bauen dürfen. Die Architekten grübelten, diskutierten und versuchten hin und her, aber schafften es nicht bis schließlich Brunelleschi das Ei nahm, mit leichtem Schwung aufschlug – und es stand.

      Den Fachleuten waren empört und sagten, sie hätten das Gleiche tun können. Brunelleschi entgegnete, wenn das so einfach wäre, könnten sie ja wohl auch die Kuppel errichten auf Basis der vorliegenden Entwürfe.

      Viele Grüße, Benedict Gross

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