Das Ende allen Projektmanagements?

Schon wieder ist ein Buch erschienen, das ein Ende des Projektmanagements proklamiert. Mit ihrem Buch „Das Ende allen Projektmanagements“ ist Sonja Radatz nun schon die zweite Autorin, die ein Ende des Projektmanagements herbeizuschreiben versucht, nach dem ebenfalls aus Österreich stammenden Ronald Hanisch, dessen Buch „Das Ende des Projektmanagements“ wir im GPM-Blog auch schon rezensiert haben. Während Hanisch seine Argumentation darauf aufbaut, dass die junge Generation („Generation Y“) aufgrund von neuen Anforderungen dem Projektmanagement ein Ende bereiten würde, propagiert Sonja Radatz eine relationale Organisation, die gar nicht mehr auf den Gedanken käme, sich mit Projekten zu beschäftigen.
Projekte sind für Sonja Radatz eine Folgeerscheinung von Unzulänglichkeiten in Organisation und Führung, bringen aber selbst mehr Probleme mit sich, als dass sie lösen.

Zehn Punkte, die aus ihrer Sicht für das endgültige Ende des Projektmanagements sprechen:

  • Projektmanagement verwischt Verantwortungen
  • Projektmanagement verwischt die Ergebniserzielung
  • Projektmanagement macht den eigenen Bereich „unführbar“
  • Projektmanagement vernichtet teure und wertvolle Arbeitszeit
  • Projektmanagement hemmt die Flexibilität und Wettbewerbsfähigkeit
  • Projektmanagement stärkt die Macht der Projektleiter, vernichtet aber nachhaltig Entrepreneurship, Eigenverantwortung und Innovation beim Individuum
  • Projektmanagement negiert die Expertise des Einzelnen – und frustriert
  • Projektmanagement verlangsamt das Fortkommen des Unternehmens – oder bringt es sogar zum Stillstand
  • Projektmanagement fördert Micro Management in der Unternehmensleitung
  • last but not least: Das dahinter stehende Denken steuert jede Organisation verlässlich in die Sackgasse

Am Ende des Projektmanagements kommt dann das ins Spiel, was die Autorin und Begründerin des IRBW Institut für Relationale Beratung und Weiterbildung in Wien schon seit 1998 propagiert: der relationale Ansatz. So sehr ich es begrüße, wenn sich jemand mit den Unzulänglichkeiten des Managements von Projekten auseinandersetzt und Alternativen oder Weiterentwicklungsmöglichkeiten aufzeigt, so befremdlich finde ich die Polarisierung, mit der Berater ihre eigenen Konzepte anpreisen. Die Welt ist eben nicht schwarz und weiß, sie ist bunt, vielfältig und ständig in Veränderung.

Projekte spielen schon ziemlich lange eine Rolle in dieser Welt, so beschreibt z.B. Daniel Defoe schon im Jahr 1697 in „An Essay upon Projects“ Projektarbeit als wichtigen Bestandteil des Lebens. Dabei kommt das Wort „Management“ überhaupt nicht vor, vielmehr geht es um „gesunden Menschenverstand“ im Einsatz zur Verbesserung der Gesellschaft durch Projekte. Erst die industrielle Revolution und später das Scientific Management haben den Managementbegriff „salonfähig“ gemacht, so dass wir heute eben vom Projektmanagement reden. Das hat sich allerdings in den letzten Jahren gewaltig verändert. In dem Maße, wie sich die Anforderungen an die Projekte geändert haben, wurden die Konzepte weiterentwickelt und werden sehr differenziert in den unterschiedlichen Projektsituationen angewendet. Das, was da in vielen Büchern beschrieben wird, sind nur „Schattenkämpfe“, die wenig hilfreich sind.

Vielleicht ist es an der Zeit, einen neuen Begriff für das Management von Projekten zu finden: Projektmanagement erscheint ein Reizwort zu sein und mit Methodik, Prozessen oder generell für überkommenes Denken und Handeln gleichgesetzt zu werden. Daniel Defoe hat den Projektmanager „Projector“ genannt, frei übersetzt jemand, der Projekte „macht“ – und dafür ist aus meiner Sicht auch in den nächsten Jahrhunderten Bedarf.

Ähnliche Artikel:

Schlagwörter: , , , ,

Kommentare

  1. avatar Ulrich Nord

    Du hast sicher recht, dass auch in 100 oder 200 Jahre Staudämme, Kraftwerke und Jupiterlandungen als Projekt konzipiert und abgearbeitet werden. Ich finde aber so abwegig einige der 10 Thesen von Frau Radatz nicht – und „gesunder Menschenverstand“ ist nach meiner Erfahrung auch nicht immer die Richtschnur des Handels in der Projektwelt.

    Es mag sein, dass jeder Berater zunächst einmal seinen / ihren Ansatz für allein seligmachend hält. Leider kenne ich den relationalen Ansatz der Buchautorin nicht. Insofern hätte ich mir etwas mehr inhaltliche Auseinandersetzung mit ihren Argumenten gewünscht – nun muss ich mir wohl das Buch kaufen, obwohl ich das gar nicht recht will….

    1. avatar Alexander Volland

      „Dr. Sonja Radatz, Begründerin des Relationalen Ansatzes, ist Eigentümerin und Geschäftsführerin des Instituts für Relationale Beratung und Weiterbildung (IRBW) in Wien“

      Klar ist die relationale Beratung das einizg seelig Machende… :)
      Einige der Thesen stellen Herausforderungen in allen Organisationen dar. Andere erscheinen mir eher absurd.

      Ein wenig erinnert mich dass an die Argumentation von jungen Scrum-Fans, welche – ohne Projektmanagement im Detail kennen – genau wissen, dass der Scrum-Ansatz immer der bessere ist.

      Es ist einfach, schlecht gelaufene Projekte herauszupicken und damit zu beweisen, dass „Projektmanagement“ schlecht ist.
      Das ist in etwa so, als wolle man mit Autounfällen begründen, dass die Führerscheinprüfung ungeeignet ist – es ist einfach nicht schlüssig.

    2. Ich glaube kaum, dass PM per Diskussionsbeitrag für beendet erklärt werden kann. Meine Beobachtung ist, dass es vielmehr eine Inflation des Begriffes Projekt gibt, die alle keine sind und die dann mit mehr oder weniger wirksamen PM Vorgehensmodellen „vergewaltigt“ werden. In solchen Situationen beobachte ich dann häufig die o.g. zehn oder weniger Punkte.
      Mal abgesehen von der seit Jahren bekannten „Theorie“ von Frau R. und der Buch PR zeigt der blogbeitrag vor allem, dass sich die Disziplin Projektmanagement in zunehmenden Rechtfertigungsdruck kommt.
      Das ist gut so!
      Denn die klassischen PM Modelle, die heute immer noch gelehrt und zertifiziert werden, tragen immer noch das Richtig-Falsch Denken der Methodenwelt des letzten Jahrhunderts in sich….

  2. Ja, PM ist unter Rechtfertigungsdruck, bin auch der Meinung, dass das gut so ist. Wir müssen erklären, wozu PM da ist und welches Problem wir lösen. Habe das Buch gestern in einer Expertenrunde der Automobilindustrie diskutiert, da war man auch einhellig der Meinung, dass es eher mehr Projekte werden als weniger, das „Management“ (auch dieser Begriff muss diskutiert werden) erweitert sich und bezieht viel mehr Faktoren ein (z.B. Multiprojektsteuerung, interkulturelle Faktoren in der globalisierten Welt, Business Case Betrachtungen). Die Diskussion geht also sicher weiter…

  3. avatar Dieter Gennburg

    Es ist eine gute Gelegenheit, sich der Werte etablierten Projektmanagements bewußt zu werden. Für mich ist die grafische Visualisierung eines Projektstrukturplanes immer die erste Wahl, der Versuch relationale Datenmodelle visualisieren zu wollen, der Ausschluß von 99% aller Stakeholder. Wie in den meisten Disziplinen fehlt lediglich eine wissenschaftliche Aufarbeitung, die publizierte PM-Methoden über Stammbäume visualisiert, Verwandte clustert, Dubletten synonym sichtbar macht. Als Grundlage könnte ein virtueller Stadtplan dienen, um verschiedenen Branchen eigene Strauch- und Baumgruppen zu spendieren. Versuche wären Grashalme, Irrtümer Trockenrasen, Erfolge Baumriesen, Referenzen Anzahl Äste, Nutzer die Blätter. Schauen wir uns dann an, was die These „Totgesagte leben länger“ bedeutet.
    Als Moderator, PM-Stadtführer würde ich Peter F. Drucker in einem Avatar auferstehen lassen.
    dg

  4. avatar Guido Hänßgen

    Nehme ich mal die 10 Gründe als Kernbotschaft auf, dann habe ich diese in den letzten 15 Jahren in wechselnder Intensität und Vollständigkeit immer wieder mal gehört. Wenn auch eher selten in der o.g. Klarheit. In allen Fällen waren dies aber Schutzbehauptungen um die bestehende Organisation, (oder besser „Machtpositionen“) zu schützen und das vermeintlich Bewährte zu bewahren (Kerzen haben sich ja schließlich auch lange als Beleuchtungsmittel bewährt). Unglücklicherweise spielte den Argumenten dabei aber auch ab und an ein durchaus unflexibel gelebtes PM in die Karten.
    Und insbesondere Reorganisationsprojekte sind manchmal durchaus eine Folgeerscheinung von Unzulänglichkeiten in Organisation und Führung. Wenn sie allerdings nicht gut aufgesetzt und durchgeführt werden, bringen sie natürlich mehr Probleme mit als sie lösen. Dies würde ich aber zunächst mal eher dem WAS und WIE des Projekts als dem PM anlasten. Womit sich leider aber auch die Unzulänglichkeit der Führung und damit die Notwendigkeit des Reorganisationsprojektes zeigt.

Leave a Reply

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Benötigte Felder sind markiert. *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>