Buchempfehlung: "Humble inquiry" von Edgar Schein

Für den Urlaub habe ich mir mal wieder einige Bücher zum Lesen mitgenommen, darunter auch das neue Buch von Edgar Schein mit dem Titel „Humble inquriy – the gentle art of asking instead of telling“. Edgar Schein ist einer der prominentesten Organisationspsychologen unserer Zeit, emeritierter Professor der MIT Sloan School of Management (Edgar Schein auf Wikipedia). Bekannt geworden ist er u.a. durch seine Forschungen zum Thema Unternehmenskultur. Das Buch nimmt sehr direkt die amerikanische Kultur aufs Korn, die er zusammengefasst als „individualistic, competitive, optimistic, and pragmatic“ charakterisiert. Diese Kultur führt dazu, dass die Aufgabenerfüllung vor Beziehungsaufbau kommt, statt Auseinandersetzung mit dem Gegenüber die Kultur des „do and tell“ dominiert und damit keine echte Kommunikation zustande kommt. Die Orientierung am eigenen Nutzen durch Kommunikation steht im Vordergrund. Durch das Mitteilen („tell“) kann ich die Aufmerksam der anderen gewinnen, mir Anerkennung abholen oder mich ins rechte Licht setzen. Die Nachteile dieser Kommunikationsform liegen auf der Hand: damit wird kein Beziehungsaufbau erreicht, die Vorstellungen der Anderen bleiben im Verborgenen und ich selbst kann keine neuen Erkenntnisse gewinnen. Diese einseitige, durch die oben aufgezeigten Kultureigenschaften maßgeblich beeinflusste Kommunikation ist vor allem nicht mehr zeitgemäß. Schein führt dazu aus: „The world is becoming more technologically complex, interdependent, and culturally diverse, which makes the building of relationships more and more necessary to get things accomplished and, at the same time, more difficult. Relationships are the key to good communication; good communication is the key to successful task accomplishment; and Humble Inquiry, based on Here-and-now humility, is the key to good relationships.”

Aber was meint Schein nun mit “Humble Inquiry”? Das ist schwer ins Deutsche zu übersetzen. Humble kann man als demütig übersetzen. Inquiry ist die Erkundigung oder Nachforschung, die Befragung oder Anfrage. Aus meiner Sicht passt alles nicht so recht zu dem was Edgar Schein meint. Ich würde „Humble Inquiry“ mit „einfühlsames Fragen“ übersetzen (Ich bin auf die Übersetzung des Buches ins Deutsche gespannt, die zur Frankfurter Buchmesse herauskommen soll). Es geht darum, sich selbst zurückzunehmen, sorgsam und geduldig, eben einfühlsam, durch Fragen eine Beziehung zu einer oder mehreren anderen Personen aufzubauen. Dabei geht es weniger um eine Frage“technik“, sondern um das ehrliche Interesse an der anderen Person, deren Erfahrung und um die Entwicklung eines echten Dialogs, statt eines Monologs wie oben aufgezeigt. Die Art des Fragens hängt nach Schein sehr stark vom jeweiligen Kontext und der kulturellen Prägung der beteiligten Personen ab. So sind die eher westlichen Kulturen sehr direkt in der Kommunikation, wohingegen östliche Kulturen eher indirekt kommunizieren.

Inwieweit treffen die obigen Aussagen zur kulturellen Prägung auch auf uns Deutsche zu? Ich würde sagen, wir sind in Deutschland inzwischen auch stark „individualistic und competitive“, insofern sollten wir auch die Form der Kommunikation überdenken. Humble inquiry ist insbesondere im Projektkontext wichtig, wo ich ohne Macht führe, auf kooperative Beziehungen angewiesen bin und eine Kultur der offenen und ehrlichen Kommunikation brauche. Projektleiter sollten meiner Ansicht nach eine Balance finden zwischen dem Durchsetzungsvermögen zur Aufgabenerfüllung einerseits sowie der „Humble Inquiry“ zum Beziehungsaufbau andererseits. Zwei wichtige Voraussetzungen nennt Schein in seinem Buch auch noch: Geduld und Zeit. Wir sind aufgrund des Termin- und Leistungsdrucks oft ungeduldig, da ist das Sagen schneller als das Fragen. Und Zeit ist ja eh keine da, also warum noch unnötig Zeit für ein Frage-Antwort-Spiel verschwenden. Kurzfristig gedacht, so Schein. Bei der heutigen Komplexität kommen wir ohne „Humble inquiry“ nicht mehr weiter, so seine Einschätzung. Ich stimme dem voll zu und empfehle die Lektüre des Buches denjenigen, die Projekte bei hoher sozialer Komplexität zu managen haben.


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