Beyond Project Management? Die Evolution der Projektarbeit geht weiter…

Dieser Beitrag im GPM Blog nimmt Bezug auf die Blog-Parade von Marcus Raitner und das PM Camp in Dornbirn, das dieses Jahr unter dem Motto „Beyond Project Management“ steht.

Der Titel der Blog-Parade klingt reißerisch, wie auch die Titel aktueller Buchveröffentlichungen. Damit lässt sich vielleicht mehr Aufmerksamkeit erheischen, aus meiner Sicht aber auch nicht mehr als das. Dasselbe gilt für die krampfhaften Versuche, agiles Projektmanagement von traditionellem Projektmanagement abzugrenzen. Was finden wir in der Praxis? Meiner Beobachtung nach vor allem ein Verschmelzen der Konzepte und damit eine evolutionäre Weiterentwicklung des Projektmanagements.

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Zuhören, Denken, Akzeptieren, Üben und Glauben: Auch beim Steuern von Projekten sind diese Grundsätze elementar.

Eines ist für mich Gewissheit: Projekte und die Arbeit in und mit Projekten bleibt uns auch in Zukunft erhalten! Liest man das Buch „An Essay upon Projects“ von Daniel Defoe, dann findet man dort viele Hinweise auf die Anfänge von Projektarbeit bzw. „Projektemachen“ im späten 17. Jahrhundert. Zumindest ist das die erste Fundstelle, die ich kenne. Die Projekte werden dort in den Dienst der Gesellschaft gestellt und der Weiterentwicklung der Gesellschaft gewidmet. 100 Jahre später begann die industrielle Revolution. Projekte fanden primär im Kontext der industriellen Ausrichtung statt, das Scientific Management versuchte später die Effizienz der Arbeit zu verbessern, (leider) mit wenig Fokus auf die beteiligten Menschen. Das rückte erst viel später in den Fokus. Nach dem zweiten Weltkrieg stiegen die technischen wie organisatorischen Herausforderungen in den Projekten so stark an, dass man sich gezwungen sah, die Methodik für Projekte neu zu erfinden. Dabei griff man auf das „Operations Research“ zurück, das vor allem mathematische Zugänge für das Management zur Verfügung stellte, um die Effizienz der Abwicklung zu verbessern. Planung war primär im Fokus. Andere Aspekte kamen später hinzu. So z.B. soziale, psychologische, systemische und strategische Zugänge, um nur ein paar wenige zu erwähnen. Das Projektmanagement hat sich also in den letzten Jahrzehnten beständig weiterentwickelt – eine Evolution eben.

Ich persönlich bin der Meinung, dass das Wort „Projektmanagement“ überkommen ist. Es suggeriert, dass es sich um eine Methodik und um Tools handelt, auch wenn Projektmanagement tatsächlich viel mehr ist. Das Wort fokussiert einzelne Projekte. Tatsächlich steuern wir aber meistens ein Portfolio vieler Projekte oder Programme. Noch wichtiger ist, dass der Begriff das Image des „Operativen“ hat. Projektmanager führen die Aufgaben als Spezialisten aus. Die Führung einer Organisation sieht sich nicht wirklich als Teil des Projektmanagements oder ist an einer Rolle in diesem Gebiet interessiert. Allzu oft unterbleiben damit auch notwendige Investitionen, wie z.B. Qualifizierung von Mitarbeitern.

Welchen Stellenwert werden Projekte zukünftig haben und wie werden diese geführt? Projekte werden in den nächsten Jahrzehnten eine weiterhin sehr wichtige, wenn nicht sogar entscheidende Rolle spielen. Aktuelle Forschungsarbeiten zeigen deutlich auf, dass wir eine Projektifizierung aller Lebensbereich erleben werden. Projekte werden zum Lebensmittelpunkt, im Privaten wie auch im Beruflichen. Das bedeutet eine Explosion der Vielfalt von Projektarten, -größen und Anforderungen. Auf die Beteiligten warten Chancen und Risiken. Darüber hinaus sind Kompetenzen erforderlich, die weit über die heute gebräuchlichen Kompetenzen im Bereich der Projektmanagement-Methodik hinausgehen.

Es ist eine intensive Auseinandersetzung mit dem Kontext und der Komplexität der Projekte nötig. Das Projektmanagement muss auf die jeweiligen Anforderungen angepasst werden. Hierbei wird es sich auch entscheiden, in welchem Maße auf agile Ansätze zurückgegriffen werden kann. Für jede Herausforderung im Projekt die maßgeschneiderte Herangehensweise.

Auf dem weiteren Weg der Evolution der Projektarbeit wird sich das europäische Verständnis von Projektmanagement durchsetzen. Nämlich als Führungskonzeption. So erhalten Schüler über die Initiative „Projektmanagement macht Schule“ der GPM schon relativ früh Zugang zu dem Thema. In der Schule wird nämlich wieder verstärkt auf Projektlernen gesetzt. Was bei der GPM Initiative im Vordergrund steht sind aber nicht die klassischen Methoden, sondern vor allem das Erlernen bzw. besser das Erleben von Führungsfähigkeiten. So haben die Schüler in Projekten oft zum ersten Mal die Herausforderung, ein Team zusammenzustellen, zu organisieren und zu führen. Methodik bildet da nur den Rahmen, in dem Kommunikation und Zusammenarbeit stattfindet.

Ähnlich wird das in Zukunft auch in den Projekten der Erwachsenen sein. Projektmethodik & -tools rücken in den Hintergrund und die Themen Führung, Kommunikation, Zusammenarbeit rücken in den Vordergrund. Interdisziplinäre Teams zu führen erfordert eine Balance aus Fingerspitzengefühl und Durchsetzungsfähigkeit, eine eigene Kompetenz in Bezug auf die Projektinhalte wie auch die Fähigkeit zur Moderation von Spezialisten. Projekte werden immer internationaler und damit auch interkultureller. Das Interesse und die Fähigkeit, Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zu einem Team zusammenzuführen und Zusammenarbeit zu ermöglichen sind wichtige Erfolgsfaktoren für die Projektarbeit. Daher verwende ich das Wort „Management“ immer weniger, wenn es um Projekte geht. Vielleicht ist das unter „Beyond Project Management“ zu verstehen


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Kommentare

  1. […] Reinhard Wagner im GPM Blog. Beyond Project Management? Die Evolution der Projektarbeit geht weiter… […]

  2. Die Iniative „Projektmanagement macht Schule“ der GPM finde ich klasse. Meine Versuche für die Kontaktaufnahme blieben allerdings bis dato ergebnislos.

  3. Hallo Hr. Wagner,

    vielen Dank für Ihren Beitrag! Zum Stichwort „reißerisch“ möchte ich kurz einige Gedanken verlieren. Ich kann gut verstehen, dass der Titel als Marketing-Gag wahrgenommen werden kann. Hierzu möchte ich aber Roland Dürre zitieren, der in seinem Blogbeitrag zu dem Thema schrieb (http://if-blog.de/rd/beyond-management/):

    „Vorweg möchte ich betonen, dass unser Motto nicht reißerisch gedacht ist und so nicht werbewirksam sein soll. Eine Graswurzelbewegung wie PM-Camp hat das nicht nötig, denn sie wird ja von den Menschen getragen, die freiwillig kommen und sich aktiv beteiligen. Und die typischen “PM-Camp-Teilhaber” sind autonome Menschen, die sich von buzzwords und Marketing-Versprechen nicht so leicht beeinflussen lassen. So bitten wir alle “Teilhaber” die drei Worte “Beyond Projekt Management” sehr nüchtern und sachlich zu betrachten. […]“

    Uns geht es tatsächlich darum, die Grenzen der Projektmanagement-Disziplin etwas schärfer zu ziehen, um damit

    a) die Disziplin evolutionär weiter entwickeln zu können und
    b) schrittweise ein Verständnis zu entwickeln, in welchen Situationen Projektmanagement nicht der richtige Ansatz ist.

    Es geht uns darum, Unterschiede aufzuzeigen, aber ganz bestimmt NICHT darum, die viel zitierten „Schattenkämpfe“ zu nähren.

    Viele Grüße aus Österreich!

    1. Gut, dann muss ich mir ja keine Sorgen machen 😉 Viel Erfolg in Dornbirn
      Gruß aus Bayern
      RW

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