Besonderheiten des PM in China und Russland

In den letzten Wochen hatte ich dienstlich in China und Russland zu tun. Es ging dabei um PM-Assessments in Organisationen, was ungeheuer wertvolle Einblicke in die Besonderheiten des Projektmanagements in diesen Ländern erlaubt. Dabei bin ich auf drei Besonderheiten gestoßen, die ich bemerkenswert finde:

  1. Der Staat mischt massiv in Unternehmen mit
    In den kommunistisch geprägten Ländern gibt der Staat bzw. die Staatsführung den Unternehmen viel vor. Das kann in Form von Gesetzen und Verordnungen sein, oder durch eine direkte bzw. auch indirekte Einflussnahme der Partei. Dies betrifft wichtige Entscheidungen, die Besetzung von Führungspositionen und kann sogar dazu führen, dass Parteifunktionäre wichtige Führungsfunktionen selbst übernehmen. Bei einem Assessment des Projektmanagements hört man des Öfteren die Aussage, das sei vom Staat vorgegeben, oder die Handlungsbefugnisse seien stark eingeschränkt. Im Westen spielt dagegen das (Qualitäts-)Managementsystem sowie das Topmanagement eine dominante Rolle.
  2. Das Management von vielen Projekten in Form von Portfolios ist wenig bekannt
    In beiden Ländern habe ich viele gute Beschreibungen des Managements einzelner Projekte gesehen und in der Anwendung erlebt. Auf die Frage, wie denn die Gesamtheit aller Projekte gemanaged wird, konnten meine Interviewpartner wenig überzeugende Antworten geben. Der Begriff und das Konzept des “Projektportfoliomanagements” mit Auswahl und Priorisierung der Projekte ist nur Wenigen bekannt, in der Praxis wird es fast gar nicht angewendet. Anscheinend gibt es in beiden Ländern auch (noch) nicht den Ressourcenmangel wie bei uns, der eine Auswahl und Priorisierung von Projekten notwendig macht. Ein weiterer Grund kann auch sein, dass es in China und Russland klare Vorgaben “von oben” gibt und die Führung erwartet, dass diese Vorgaben auch getreu umgesetzt werden. Eine Synchronisierung von übergeordnetem, strategischem Management und Projektmanagement scheint dort noch nicht akzeptiert oder gewollt zu sein.
  3. Das Management der Performance in Projekten ist noch wenig anerkannt
    Ziele vorzugeben und einzuhalten ist in China und Russland ebenso wichtig wie im Westen. Deshalb erhält man auf die Frage nach der Performance im Projektmanagement immer Antworten wie “in time”, “in budget” und “in specification”. Auf die Frage, inwieweit diese Ziele auch mit weniger Ressourceneinsatz erreicht werden könnten, oder, ob es konkrete Kennzahlen zur Effizienz in Projekten bzw. im Projektmanagement gäbe, konnten meine Interviewpartner genauso wenig Antworten liefern wie das Topmanagement. Im Verhältnis zu Lieferanten denkt man aktuell schon eher an Kennzahlen zur Steuerung von Effizienz, um Kosten einzusparen. Es wird aber sicher noch eine Weile dauern, bis solche Steuerungsmechanismen in den Betrieben Chinas und Russlands wirklich Anwendung finden.

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Kommentare

  1. Karl-Wilhelm von Rotehan

    Welcome to the Club.
    Dazu kann ich das folgende Buch empfehlen: “”Der kalte Freund: Warum wir Russland brauchen: Die Insider-Analyse” von Alexander Rahr.
    Das erspart den Frust an Dingen rütteln zu wollen, die so nicht zu bewegen sind und bitte:
    Bitte Russland (alt) oder als Vielstaatensystem Russische Föderation (heute) und China nicht in einen Topf schmeißen.
    Ja es gibt historische Ähnlichkeiten, aber im Heute sind es doch einfach andere Welten und für uns verschiedene sehr autonome Koordinatensysteme.

  2. Das ist ja gerade das Interessante an Auslandsaufenthalten: Unterschiede und Gemeinsamkeiten wahrzunehmen, ohne etwas ändern zu wollen oder zu müssen.

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