Antizipation, oder von der Ahnung über zukünftige Entwicklungen

Zum Jahreswechsel überbieten sich die Prognostiker wieder mit Vorhersagen für das Jahr 2013, als könnte man die Zukunft vorhersehen. Kann man? Auf den ersten Blick wohl eher nicht. So konstatiert die Deutsche Bank Research in einem Rückblick auf die Prognosen der vergangenen Jahre, dass Prognosen mit Vorsicht zu handhaben sind. Sie basieren auf Erfahrungswerten und aus Zusammenhängen der Vergangenheit. Aber selbst ausgeklügelte Modelle können nicht alle relevanten Variablen berücksichtigen, deshalb werden Annahmen getroffen, die sich dann in der Wirklichkeit leider allzu oft als falsch erweisen. Nur in “normalen Zeiten” seien die Prognosefehler akzeptabel, so die Experten der Deutsche Bank Research (Zum “Research Briefing Konjunktur” der Deutschen Bank Research).


Aber was hilft dann eine Prognose, wenn wir in turbulenten Zeiten leben? Helfen Prognosen überhaupt noch weiter?

Auf eine solche Vorausschau, auch Antizipation genannt, verzichten können wir sicherlich nicht, sonst wäre unser Handeln nur “Blindflug”. Antizipation kann man als Fähigkeit definieren, zukünftige Entwicklungen vorherzusehen, um daraus Handlungen für die Gegenwart abzuleiten. So ist z. B. die Antizipation der zukünftigen Wertentwicklung einer Aktie bei deren Kauf sinnvoll. Auch die Planung von Projekten über einen längeren Zeitraum hinweg erfordert Antizipation. So muss ein Automobilhersteller bei der Entscheidung für den Projektstart eines neuen Automodells die Nachfrageentwicklung in den Absatzmärkten vorhersagen können, sonst wird das Fahrzeug vielleicht zum grandiosen Flop – und die Investitionen waren umsonst.

Allerdings wird bislang eher auf angeblich rational begründbare – weil auf objektiv nachweisbaren Vergangenheitswerten aufbauende – Prognose gesetzt, anstatt den Blick auch für Nicht-Rationales zu öffnen. So hat Professor Gigerenzer mit seinen Forschungen zum “Bauchgefühl” vor einiger Zeit großes Aufsehen erregt. In einem Interview für die projektMANAGEMENT aktuell (Volltext-Download nur für Abonnenten) bringt der die Untersuchungsergebnisse wie folgt auf den Punkt:

Ist die Zukunft schwer vorhersagbar, so gibt es bessere als die im Management gängigen Strategien. Wir haben allen Grund, diese Strategien in Zweifel zu ziehen. Es stimmt halt nicht, dass möglichst viele Informationen, möglichst viel Zeit sowie komplizierte Methoden und Berechnungen unsere Entscheidungen immer verbessern.

Vielmehr sollen wir bei Entscheidungen dem “Bauchgefühl” wieder mehr Raum geben. Alles schwer vorstellbar in einer rationalen Welt, einem Projektmanagement, das sich auf Fakten stützt/stützen soll, damit Entscheidungen möglichst sachlich, unter Abwägung aller Eventualitäten (und vor allem zukünftiger Risiken), getroffen werden können.


Hilft etwa “Ahnung” weiter? Das Gespür, dass “etwas in der Luft” liegt, das mich zum Umsteuern, zum Reagieren im Projekt bewegt?

Wer auf dem Land groß geworden ist, weiß sicher, von was ich rede. Vom Wolkenbild, das auf das Wetter von morgen schließen lässt, von der Stille, die vor einem Gewitter einkehrt und so weiter und so fort. Auch in Gruppen bekommen wir mit, dass “die Luft zum Schneiden ist” und sich gleich soziale Spannungen entladen. Zeit also, etwas zu unternehmen. Bei der Frage, was diese Anzeichen für uns bedeuten, bauen wir sicherlich auf Vergangenes auf, vergleichen mit früheren Mustern und sichern damit unsere Entscheidung ab. Allerdings ist das eben nicht nur die “Fortschreibung einer Datenreihe in die Zukunft”.

Wichtig ist, dass wir Projektmanager unsere Sensoren neu entwickeln, um noch so schwache Signale aufzunehmen und daraus Handlungen abzuleiten. Auch bei der Planung von (Groß-)Projekten sollte ein Projektleiter ein offenes Ohr für das “Rauschen im Blätterwald” oder die “Atmosphäre” bei wichtigen Stakeholdern haben. Leider wissen wir hier noch viel zu wenig, auf welche Signale wir achten müssen, wie diese zu deuten sind und wie wir diese Fähigkeit wieder reanimieren können. Ich werde jedenfalls in 2013 noch öfters auf das Thema zu sprechen kommen.


Ähnliche Beiträge im GPM BLOG:

Schlagwörter: ,

No Comments.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>